
Noch schlimmer als diejenigen gehen zu lassen, die man zum Erweichen tief ins Herz geschlossen hat, ist, sie leiden zu erleben. Das war auch mit Menno nicht anders. Vielleicht dem liebsten und kuscheligsten Kater nördlich des Südpols, wenigstens nördlich von Meppen. Wobei das vielleicht auch unfair ist, so etwas zu sagen – all den Katzen und Katern gegenüber denen ich nie begegnet bin. 14 Jahre ist es her – meine Eltern hatten sich nach dem Tod von Fidi, dem vorherigen Kater eigentlich entschieden, nie wieder eine Katze haben zu wollen -, da wimmerte es piepsig aus einem Abwasserrohr unter einem Fahrradweg am Dorfrand. Schon das Wimmern und Maunzen erweichte Herzen, und dann saß da dieser winzige schwarz-weiße, halb nass verstrubbelte Zwerg von Kater und blickte treu und hilflos aus riesigen Augen. Und Bruchteile einer Sekunde später war’s ums (sehr große) Herz meiner Mutter geschehen.
Der Zwerg zog ein, meine Eltern tauften ihn Menno. Was nichts zu tun hat mit Ausrufen beleidigt zickender Kinder, die an der Supermarkt keine Quengelware bekommen, sondern ein uralter friesischer Name ist, der im Ursprung „kräftig“ und „stark“ bedeutet. Vielleicht fast ein wenig schräg als Name, denn so wenig der Kater schwächlich war, so war er dennoch eher die Katze gewordene Versinnbildlichung von Michael Jacksons Ausruf „I am a lover, not a fighter“. Und er war nicht besonders, weil er irgendwelche Tricks konnte, sondern weil er er war, und Tricks können muss man als Katze auch nicht.
Über 14 Jahre verschönerte und bereicherte er Leben, wärmte Herzen, Schöße – und Bettdecken, denn besonders gern kuschelte er sich darin ein zwischen die Gebirge, oder vielleicht besser: Wanderdünen, die aufgeworfen wurden, wenn meine Eltern ihre Beine darunter schoben. Nie habe ich zumindest einen Kater erlebt, der zugewandter war, zugleich ein wenig furchtsam, manchmal Schisser, aber wahnsinnig freundlich und für eine Katze fast irritierend interessiert, gastfreundlich. Und nie habe ich ein kuschelwütigeres Fellknäuel erlebt, das sich genüsslichst auf den Rücken warf, sich entwaffnend, voller Vertrauen reckte, streckte, umher rollte. Der als niedlich-liebevoller Dauergast von sich aus dauernd auf Schöße sprang, wo er schnurrend Vormittage, Nachmittage, Abende zubringen konnte.

Mit Superlativen sollte man vorsichtig sein, aber viel besser als bei meinen Eltern kann man es als Katze auch schwierig haben. Umsorgt, liebevoll verwöhnt, nie erdrückt und bemuttert, voller Freiräumen, aber mit schützender Unterstützung und umgekehrter Zugewandtheit, wo immer gewünscht oder nötig. Soweit man sowas aber auch als Mensch nur einschätzen kann. Denn es bleibt ja dabei, dass inhaltliches Verständnis nie restlos möglich ist. Sprachbarriere Hilfsausdruck. Und mir lag schon immer fern, Tiere zu vermenschlichen, und Leute, die im Namen ihrer Schäferhunde, Dackel, Chow-Chows, Perserkatzen oder Hamster Facebookprofile anlegen und dann noch in deren Namen Alltagsberichte verfassen und sich anmaßen, für ihre Tiere sprechen zu können: Solche Leute fand ich, pardon, schon immer verstörend. Ich kann versuchen, mich einzufühlen, ich kann Regungen beobachten, Verhalten auch, und kann versuchen, daraus nach meinem Verständnis mir Dinge zusammenzureimen. So, wie ich ja grundsätzlich nie außerhalb meiner eigenen Sinne wahrnehmen und außerhalb meiner eigenen Besonderheiten und Erfahrungen einordnen kann. Und wenn ein Kater freudig angerannt kommt, wenn man ihn ruft, auch dann, wenn es kein Futter gibt. Wenn er sich schnurrend mit gerecktem Schwanz um die Knöchel schmiegt, wohin man tritt, er einem den Bauch zuwendet und auf den Schoß springt, wann immer sich ihm die Chance bietet, und er da stundenlang bleiben mag, sich höchstens dreht und wendet, um auch überall gestreichelt werden zu können.

Seit anderthalb Monaten aber bereitete dieser treue, ankuschelige Kater, der über die Jahre längst geliebtes Familienmitglied geworden war, meinen Eltern, aber auch mir, wachsend Sorgen. Erst fraß er nicht mehr. Und ein Besuch beim Tierarzt ergab, dass sich Zähne entzündet hatten. Die wurden ihm gezogen, er bekam ein Antibiotikum, und kurz fraß er wieder wie ein Scheunendrescher (wie fressen Scheunendrescher eigentlich?), gewann verschollene Vitalität zurück – und humpelte doch bald, anscheinend vor Schmerzen. Er bekam Schmerzmittel. Er verlor Haare, immer mehr, erst an den Füßen, die plötzlich kahl wie gerupfte Hühnerschenkel oder wie Krähenbeine vorsichtig vorwärts staksten. Meine Eltern fuhren wieder und wieder zu Tierärzten, die Mittel gegen Schmerzen und Antibiotika verschrieben, in der Hoffnung, dass dies Besserung und Linderung zugleich bringen könnte, weil ihnen sonst nichts erklärlich schien, das Blutbild scheinbar okay war, die Organe gesund. Und doch. Mit den Wochen schwanden die Kräfte weiter, auch wenn immer wieder neue Hoffnung aufkeimte, der Kleine könnte sich berappeln. Und mit den schwindenden Kräften schwanden weitere Haare und schwand auch die Würde ein wenig – so egal einer Katze die Würde sein mag. Wie wichtig sind einer Katze Aussehen, Würde, intakte Haarpracht? Noch etwas, das ich nicht beurteilen kann, weil Sprachbarriere.

Doch ihn leiden zu sehen, den Kleinen so Freundlichen, so Lieben, traf ins Mark. Und nicht zu wissen, wie man ihm denn helfen kann, weil doch die Tierärzte keine rechte Erklärung fanden für sein wachsendes Leiden. Man sagt, Katzen ziehen sich zum Sterben in Einsamkeit zurück und verstecken sich, und mindestens einmal hatte es schon tränenüberströmt traurige Tage gegeben, an denen da dieses seltsame Gefühl einer plötzlichen Gewissheit gab: „Menno ist tot.“ Weil er – so schwach geworden – morgens nicht aufgetaucht war, auch mittags nicht. Aber dann miaute er doch plötzlich aus dem Buchsbaumbusch an der Hausecke, unter dem er lag. Ein Busch, so dicht, wie es ihn in der Art nur noch wenige gibt. Zünsler und so.
Nun. Er lebte noch, zumindest matt. Bis, ja bis zum vorigen Wochenende, als der Arme immer kläglicher maunzte, und sich zudem Haarlinge zeigten, diese fiesen winzigen Kieferläuse, die sich im Fell geschwächter Tiere einnisten, und meine Mutter Menno ein weiteres Mal ihn in den Korb legte und mit dem Auto losfuhr, diesmal fast 30 Kilometer weit, zum tierärztlichen Notdienst. Und da nun hatte der Tierarzt auch ein Ultraschall und entdeckte: der Bauch – voller Tumore.
Und nie mag man bei denen, die es tief ins Herz geschafft haben, die man liebt, Entscheidungen treffen für ihr Leben, über ihr Leben. Schon gar nicht mag man es beenden. Aber wie viel schlimmer war es, den lieben Kater leiden zu erleben. Weit schlimmer, als ihn gehen zu lassen. Und so war dies der Vormittag, kurz nach der Diagnose über die Unheilbarkeit des Geschwächten, an der ihn der Tierarzt in tiefen, ewigen Schlaf versetzte.

Und sich nun tiefe Traurigkeit und Vermissen mischen mit Dankbarkeit über die herzerwärmend schöne Zeit zusammen und dem Gefühl von Erlösung – für ihn, aber auch für uns alle, die wir wissen, dass er nun nicht mehr leidet und die folglich ihn auch nicht weiter Leiden erleben müssen.
Und im Garten strichen Böen durch die Blätter, und meine Eltern pflanzten Blumen an die Stelle, an der sie den geliebten Kater in die Erde legten. Und was spendet Trost, wenn das Vermissen wieder aufwallt? Der vielleicht beste Apfelkuchen von Oma Hanna etwa ist einer der besten kulinarischen Seelentröster. Und so wurde aus einer ganz anderen Idee eine neue, denn Tage zuvor schon hatte ich sri lankisches Kokosmilch-Karamell mit gehackten Cashews und Kardamom gemacht, wie man es dort in Papiertüten immer wieder an Straßenständen findet. Warum also nicht zu Ehren des kleinen Katers Oma Hannas wirklich legendären Apfelkuchen mit dem Kokos-Cashew-Kardamom-Karamell verbinden?

Was zudem noch zur Aktion der genialischen Zorra passt, deren sensationeller Blog sein sage und schreibe 20-jähriges Bestehen feiert am 17. September – und die zum feierlichen Anlass die Aktion #neuaufgelegt ins Leben zu rufen, in der alte, am Herzen liegende Rezepte, Gerichte, Geschichten nochmal einen neuen Twist bekommen. Und eigentlich kann man Hannas Apfelkuchen gar nicht besser machen. Und doch ist der Dreh mit Miso-Cashew-Kokos-Karamell ein sehr reizvoller. Und auch der tröstet ein wenig mit seiner Aromenraffinesse. Und auch der kann zugleich nicht hinwegtrösten über das, was fehlt.

Zutaten für den Apfel-Streusel-Kuchen mit Kokos-Cashew-Kardamom-Karamell mit Miso
Fürs sri-lankische Kokos-Cashew-Kardamom-Toffee mit Miso
1 Dose Kokosmilch (je cremiger, desto besser)
300 Gramm Zucker
150 Gramm Cashews, naturbelassen, gehackt
1 Teelöffel helles Miso
1/4 Teelöffel Salz
2 Teelöffel Kardamom
Für den Mürbeteig-Boden
250 Gramm Mehl
125 Gramm Butter
6 Esslöffel Zucker
1/2 Teelöffel Salz
1 Ei
1 Päckchen Vanille-Zucker
Für die Streusel
150 Gramm Mehl
150 Gramm Butter
4 Esslöffel Zucker
1 Prise Salz
1/2 Teelöffel Kardamom
1/2 Teelöffel Zimt
Für die Füllung
4-5 Äpfel (Hanna hat meist Augustäpfel der Sorte „Weißer Klarapfel“ genommen), zumindest am Ende gute 600 Gramm.
5 Esslöffel Karamell
1 Teelöffel Zimt
1 Teelöffel Kardamom

So macht man das sri-lankische Kokosmilch-Cashew-Karamell mit Miso
Die Kokosmilch, den Teelöffel Miso und den Zucker sowie die Prise Salz gemeinsam in eine Pfanne geben und unter ständigem Rühren langsam auf mittlerer Stufe erhitzen, bis das Ganze Blasen wirft und zu bräunen beginnt. Dann die Hitze auf niedrigste Stufe verringern und weiterrühren, bis das Ganze ein sattes Braun erreicht hat. Die Cashews klein hacken und den Kardamom dazugeben (nicht zu früh, sonst kann es sein, dass er starke Bitternoten entwickelt). Das Ganze am Ende in eine Auflaufform oder auch ein sterilisiertes Glas geben (für den Kuchen braucht man nur ein paar Esslöffel, der Rest taugt auch als köstlicher Brotaufstrich – oder man gießt ihn eben in eine Form und lässt das Ganze trocknen und kann Toffee-Bonbons daraus schneiden).








So wird der Apfel-Streuselkuchen gemacht
Für den Mürbeteig Zucker, Butter, Salz, Mehl, Vanillezucker und das Ei mit kalten Händen zügig zu einem geschmeidigen Ganzen verkneten. Den Teig in Backpapier (umweltschonender als Klarsichtfolie) wickeln und im Kühlschrank kalt stellen (oder in den kalten Schuppen, wenn der denn grad kalt ist und man einen hat). Gern mehrere Stunden lang.
Zum Backen den Mürbeteig auf einer bemehlten Arbeitsfläche ausrollen und in eine Springform (28 cm) drücken. Boden schön glatt und gleichmäßig und so, Seiten ebenfalls.
Die Äpfel schälen, halbieren, Kerngehäuse und Kerne rausschneiden, in Spalten schneiden und in eine Schüssel geben. Zimt und Kardamom dazugeben. Die Apfelspalten darin wenden und dann die teig-ausgeschlagene Springform damit füllen.
Nun Kleckse der Kokosmilch-Kardamom-Cashew-Karamell-Masse dazuschnupsen.


Für die Streusel Butter in einem Topf auf niedriger Stufe schmelzen (es muss nicht groß blubbern, sich nur auflösen). Dann in eine Schüssel zu Zucker, Salz, Zimt und Kardamom und Mehl gießen, verkneten, allmählich, bis daraus ein großes Gekrümel wird. Wenn man es wie Hanna macht, die große Krümelei sorgsam ganz klein krümeln, vielleicht auch mit einem Mixer, bis die Streusel eher so groß sind wie diese bunten Zuckerstreuselkügelchen. Größere Krümel werden knuspriger und gehen natürlich auch. Aber die ganz feinen Krümel haben auch einen besonderen Reiz.
Die Krümel dann möglichst gleichmäßig als im Ofen knusprig werdende Bettdecke über die Äpfel verteilen.

Den Backofen vorheizen – auf 180° C bei Ober/Unterhitze oder 160° C bei Umluft. Und dann auf mittlerer Schiene in etwa eine Stunde lang backen. Zwischendurch mal durch das (hoffentlich halbwegs geputzte) Fenster lugen, um sicher zu gehen, dass er noch sanft karamellisiert und nicht zur dunklen Seite der Macht überläuft und verkokelt.







Musik zum Kuchen
Was mag man für Musik empfehlen für Momente, in denen man tief traurig ist, weil plötzlich jemand Liebes fehlt – in der Gewissheit: Das war’s, kommt und wird nicht wieder? Die Weakerthans und ihr traumschönes „Left and leaving“? Vielleicht. „Someone choose who’s left and who’s leaving.“ Passt hier.
Und WordPress lässt hier neuerdings leider kein direktes Einbinden der Videos mehr zu, so lange ich nicht fünfmal so viel Geld pro Monat für einen Pro-Account bezahle.
Vielleicht auch das zauberzarte „Parce mihi domine“ von Cristobal de Morales vom legendären Album „Officium“ des Hilliard Ensembles mit dem Saxophonisten Jan Garbarek.
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Ach Ole, was für eine bittersüße Geschichte (erinnert mich an eine der Katzen meiner Eltern)! Alles Gute der Katzenseele, wo auch immer sie jetzt herumstreunen mag! Aber wenn ein Trostpflaster, dann so! Miso und Karamell sind ja ohnehin füreinander geschaffen, aber Deine Ergänzung um Kokos, Cashew und Kardamom muss beizeiten DRINGEND verkostet werden. Mit lauwarmen Apfel-Streusel-Kuchen zumal.Herzlich: Charlotte
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Ach Charlotte! Tausendundeinen Dank Dir für solch liebe Worte! Und ich bin gespannt, wie es Dir munden wird. Auch ohne das karamellige Bonuslevel ist der Kuchen ja fantastisch.
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Ach, das tut mir leid.
liebe Grüße
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Ganz lieben Dank und ebensolche Grüße
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moin Ole,
💝💝💝 Ja, so ein kleiner Kerl bleibt für immer im Herzen. ist schon traurig, ihn dann doch gehen lassen zu müssen. So war es auch mit unserem Welsh Terrier Xantos. Er hatte sich als 4jähriger auch in unser Herz geschlichen und blieb über 10 Jahre. Auch wir mussten ihn gehen lassen, das war nicht einfach.
Hätte er seinen Namen Xantos nicht schon gehabt, dann hätte er von uns übrigens den Namen Enno bekommen. In Erinnerung an einen Foxterrier, der auch so hieß.
Liebe Grüße, Karin
PS: Der Kuchen liest sich köstlich 🫶
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Liebe Katharina! Tausendundeinen Dank für solch liebe Worte. Und Enno ist js auch ein alter ostfriesischer Name. Hab ein wunderschönes Wochenende!
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Lieber Ole, da musste sogar der Tierarzt ran? Mein herzliches Beileid!
Der Apfelkuchen steht schon lange auf meiner Liste, hier klingt er nochmal leckerer.
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Liebe Jenny, ja. Die Notdien-Tierärztin hat per Ultraschall entdeckt, dass der Bauch voller Tumore steckt. Das hat jede Besserungshoffnungen erledigt. Und dann war Einschläfern ein Akt des respektvollen Liebhabens.
Mach den Kuchen gern! Ob in Hannas Variante oder meiner zarten Abwandlung. Das Karamell ist auch toll auf Eis. Oder im Ofen getrocknet als Toffee.
Ganz liebe Grüße
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Mein Beileid, lieber Ole, Menno scheint „oneofakind“ gewesen zu sein. Der Kuchen ist ein kleiner aber köstlicher Trost.
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Ganz ganz lieben Dank Dir!
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Lieber Ole,
Es ist ganz schwer, ein Familienmitglied zu verlieren, denn Menno war ja eins. Irgendwie glaube ich daran, dass wir jedes Mal, wenn wir wen Geliebtes an den Tod verlieren, etwas Lebendiges von ihm in uns zurückbleibt. Es hilft mir, mit Trauer besser umzugehen. In Deiner unnachahmlichen Ole-Art hast Du Menno ein liebevolles Vermächtnis geschrieben und es mit einem Wahnsinnskatzenkuchen gekrönt.
Er klingt so raffiniert-köstlich, dass selbst eine Kuchenbanausin wie ich Appetit auf Süßes bekommt.
Viele liebe Grüße
Amélie
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