
Die Stadt atmet noch, aber nur noch flach, durch Brachen, in denen Gebäude verschwunden sind wie gezogene Zähne. Wer den kleinen Flecken Weener sucht, der sich ans Ufer der Ems schmiegt, muss nur den Dutzende Meter hohen Dampffahnen folgen, die aus der Papierfabrik am Stadtrand gen Himmel stieben. Doch wer den Ort gefunden hat, erreicht eine Stadt, in der fast alles Leben gewichen scheint.
Dicht an dicht drängen sich Hunderte Jahre alte Geschäftshäuser mit einst prunkvoll verzierten Backstein- und Putzfassaden. Doch ihre Bäuche sind leer. Eingangstüren zu den Ladenräumen zur Straße sind vielleicht schon seit Jahren nicht mehr aufgeschlossen worden, Fensterscheiben blind. Staub klebt am Glas. Autos pflügen durch die engen Straßen der Altstadt, doch zumeist, um woandershin aufzubrechen – oder von dort zurückzukehren. „Someone choose who’s left and who’s leaving“, sangen die Weakerthans.

Nur manchmal halten ein paar Touristen, knien sich aufs Kopfsteinpflaster hinter Blumenkästen, knipsen das Idyll mit Bronzefiguren im Vordergrund. Ein Idyll, an dem sich noch vor Jahren Menschen vor Cafés tummelten und einst Menschen Waren schleppten und umschlugen. Jetzt weht der Wind Stille umher. Eingezogene Segel zappeln an Masten und Klüverbäumen auf alten Torfköhnen und Segeljollen, die an den Kaikanten vertäut liegen. Doch die Bürgersteige entlang der Geschäftsstraßen in der Altstadt sind so entvölkert wie viele der Ladenflächen. Zuletzt war das Spielwarengeschäft Katenkamp nach fast 100 Jahren gewichen, dessen Besitzerin bis zum Alter von 94 Jahren im Laden geblieben war. Auch ein kleiner Elektronikmarkt schließt und wird Leerstand hinterlassen.
Und fast wartet man innerlich darauf, dass Steppenroller durchs Bild purzeln, Inbegriff verlassener Geisterstädte im Wilden Westen. Unweit vom kleinen Bahnhof ragt die mehr als 100 Jahre alte, im Zweiten Weltkrieg zerstörte und wieder aufgebaute Ruine der einstigen Puddingfabrik Polak auf, deren Mändelchen-Pudding sich bis heute in Supermärkten findet, nur wird er seit Ende der 90er Jahre ganz woanders fabriziert. Am westlichen Rand der Innenstadt gähnt auch das verwaiste Areal der gut 200 Jahre alten Kornbrennerei Ecks. Einst Stolz der Stadt, heute kaum mehr beachtete Ruine. Autos rauschen daran vorbei auf der Bundesstraße, die die Stadt umkurvt. Der Kult-Schnaps und sein Rezept sind geblieben, stehen ebenfalls noch in den Regalen. In Weener entsteht davon nichts mehr.

Und doch gab es bis vor wenigen Tagen einen Anziehungspunkt in der Stadt. Einen Ort, für den auch ich gern fast 20 Kilometer pro Richtung gefahren bin – für einen Becher Spaghetti-Eis, für ein paar Kugeln in der Waffel: das Eiscafé „Venezia“. Und eigentlich hätte diese Geschichte hierüber eine ganz andere sein sollen.
Blickdichte weiße Jalousien sind heruntergezogen, wo sich bis vor wenigen Tagen noch die Glasscheiben zum Verkaufstresen öffneten, wo Menschen sich geduldig in Schlangen auf den sonst leeren Bürgersteigen aufreihten. Ein „Closed“-Schild aus Holz hängt in der Eingangstür – und wird dort nun hängen bleiben. Das Dröhnen und Sirren der vanillecreme-farbenen, 56 Jahre alten italienischen Nuovagel-Eismaschine ist verstummt.
Wenn die uralte Maschine die eiskalte Zunge rausstreckte
Die Betreiber, Vanessa und Andreas, hatten ein Fenster in einem schmalen Seitengang, in dem man ihnen über Jahre zusehen konnte, wie sie echte Madagaskar-Vanille und eine Masse aus Sahne, Milch, Ei und weiteren geheimen Gewürzen im Pasteurisator bei 75 Grad etwa 20 Minuten lang ins Hitzebad schickten – die Gewürze nicht zu lange, damit nichts bitter wird – und sie in die urmelalte, eigentlich schon eingemottete Maschine kippten. „Man schmeckt den feinen Unterschied sehr genau – und auf den kommt es uns an“, sagte Andreas. „Es gibt inzwischen ja fertige Industrie-Pasten, bei denen man eigentlich nur noch Wasser zugeben muss. Sowas käme uns nie in die Tüte.“
Auf vier Grad abgekühlt, landete die Masse in der alten „Nuovagel“-Dame, die aus ihren Gefrierschnecken unvergleichlich zartschmelzendes, aber auch dichtes Vanilleeis drückte, als strecke sie den Eismachern die Zunge raus: als schmaler Streifen, den die Gelatieri dann in Edelstahlwannen auffingen. Außerordentlich aromatisch und dicht, mit wenig Luftaufschlag und so kalt, dass nicht nachgekühlt werden muss und sich kaum Kristalle bilden. Angeschafft von Vanessas Vater Lorenzet, den es einst als Eismacher aus einem Dorf in den Dolomiten bei Venedig ins ostfriesische Flachland verschlug: erst ins allererste Eiscafé der Kreisstadt, das „Venezia“. Dann übernahm er ein kleines Café in Weener, 15 Kilometer südlich – und nannte es genauso.









Riesige Anerkennung für die Hingabe zum Echten
Vanessa machte ihre allerersten Schritte in dieser Eisdiele, tapste schon als Kleinkind darin herum, wuchs darin auf. Aus der tiefen Verbindung wurde eigene Hingabe. Als sie selbst groß war, traf sie die Entscheidung, Eiskonditor-Meisterin zu werden und das „Venezia“ fortzuführen – während es ihre Eltern zurück in die Berge oberhalb der Lagunenstadt zog. In Weener aber kamen Kunden, die sie als Kind schon erlebte, später mit ihren Enkeln. Gleichaltrige blieben dem Eiscafé auch als Erwachsene eng verbunden.
Auch mit dem besonderen Eis aus der uralten Maschine, mit Madagaskar-Vanille. „Wenn man mit dieser Masse Spaghetti-Eis herstellt, sehen die Fäden aus wie echte Nudeln. Deshalb haben wir sie wieder in Betrieb genommen. Sie ist zwar schwieriger zu reinigen, und man muss dauernd dabeibleiben – aber es lohnt sich“, sagte Andreas. Überhaupt waren echte Zutaten, frische Früchte, manchmal sogar echtes Gemüse wie Karotten, das, woraus die Weeneraner ihr Eis, aber auch ihre Saucen machten. Und vegane Eiswaffeln buken sie selbst.
Das kam an. 2018 folgte die Entscheidung, es selbst mit einem eigenen Eiscafé zusätzlich in der nahe gelegenen Kreisstadt zu versuchen. Die Qualität lockte auch dort Kunden an, doch ein Wasserschaden ertränkte das Projekt. So war das „Venezia“ in Weener die einzige Eisdiele im Umkreis von mehr als 100 Kilometern, die vom Verband italienischer Eishersteller für das „GELATOn the ROAD“ ausgewählt wurde, das eine Route zwischen besonderen handwerklichen Eis-Manufakturen bildet. Erst südlich von Osnabrück in Georgsmarienhütte und östlich in Bremerhaven und Soltau in der Lüneburger Heide finden sich die nächsten. Bei „Falstaff“ wurde das Café im Rheiderland zur besten Eisdiele Niedersachsens gewählt.
Innerlich zerrissen am Tresen
Schon gute zehn Jahre ist es her, dass ich als Journalist bei Vanessa und Andreas zu Gast war, für eine Reportage darüber, wie liebevoll handgemachtes Vanilleeis entsteht – zum „Tag des Vanilleeises“ Ende Juli 2016. Knapp sieben Jahre später, rund um die Verleihung des „Goldenen Bloggers“, hatte Andreas die Idee, eine gemeinsame Eissorte oder einen Eisbecher zu entwickeln. Etwas, das Gäste des Eiscafés vielleicht „nimmersatt“ machen könnte. Ich war gerührt – und eingeschüchtert, weil das sollte dann ja richtig gut werden, und von Eismachen habe ich trotz Eismaschine wenig Ahnung. In einem Jahr, in dem die beiden Weeneraner einen Spitzenplatz bei der Weltmeisterschaft der Eismanufakturen belegten, der Coppa d’Oro, zersplitterte die Freude. Es folgten Monate und Jahre zwischen panischer Sorge und dem Versuch, Kunden lächelnd gegenüberzutreten. Jahre, in denen Vanessa – Anfang 40 und bislang mit tief schwarzem Haar – ergraute.
Bei Tom, dem Sohn von Vanessa und Andreas, wurde ein bösartiger, aggressiver Tumor in der Lunge entdeckt. Ewing-Sarkom. 65 Protonenbestrahlungen, 14 Chemotherapien. Andreas tauschte das Eislabor gegen das Klinikbett seines Sohnes, von dessen Seite er nicht wich, während Vanessa zuhause am Verkaufstresen stand und freundlich Eis verkaufte. Tom verlor massiv Gewicht, bis auf 47 Kilo. Doch schon nach der zweiten Chemotherapie war der Tumor nicht mehr nachweisbar. Der Junge begann sich zurückzukämpfen. Der heute 21-Jährige machte sich in Richtung Fachabi auf, legte im Fitnesscenter Gewichte auf, selbst wieder an Gewicht zu. Die Kraft kam zurück.
Nicht noch einmal als Familie zerrissen werden
Doch im Juni rissen die Ergebnisse einer Gewebebiopsie den Weeneranern neuerlich den Boden unter den Füßen weg: neue Tumorzellen im Gewebe, der Krebs und die Sorge sind zurück. Parallel verlässt die Eis-Konditorin für die Liebe die kleine Stadt im Rheiderland. Umso drängender stellten sich Fragen: Noch einmal für Monate an den Tresen stellen und hinter Lächeln verstecken, wie wild Sorgen innerlich wühlen, Kraft rauben und alles andere völlig verschwinden lassen? Als sei nichts, obwohl alles los ist? Wie noch Kraft dafür finden, wenn die so dringend woanders gebraucht wird? Und verbringt man Zeit, liebevoll Eis herzustellen, wenn Zeit und Liebe gerade woanders viel dringender benötigt werden? Umso mehr, wenn die Konditorin der Liebe folgt und Abschied nimmt? Noch eine Saison, in der die Krankheit die Familie immer wieder räumlich auseinanderreißen würde: Nicht noch einmal vorstellbar. „Ich möchte unbedingt selbst mehr für Tom da sein“, sagte Vanessa beim letzten Besuch im Eiscafé.
Als die Entscheidung stand, landete die Nachricht riesig als Aufmacher auf der Titelseite der örtlichen Tageszeitung. Verbreitete sich rasant. „Venezia“ war nicht irgendeine Eisdiele, und die Geschichte, die zum Ende führte, auch nicht. Noch länger als sonst reihten sich die Schlangen auf der sonst so leeren Westerstraße. „Och hör ja“ und „Ihr tut mir so leid“, sagten die Menschen. Auch: „Wir verstehen Euch so gut und wünschen Euch und Eurem Sohn nur alles Liebe. Gesundheit ist das Wichtigste“. Und „es ist so schade, ich kann es mir gar nicht vorstellen ohne Euch“. Immer wieder haben Vanessa und Andreas dann erklärt, was los ist. Beinahe ein herzlicher Spießrutenlauf. Lächelnd hinter dem Verkaufstresen. Immer wieder brachten Menschen auch kleine Geschenke und Aufmerksamkeiten.
Die neue Leere auf dem Bürgersteig an der Westerstraße
An diesem Wochenende hat das kleine Weener wieder seinen Michaelismarkt gefeiert, der weite Vogelsangplatz ist fast verwaist, ein paar Gaukler und Barden locken das Volk auf einen kleinen Mittelaltermarkt nebenan. Kaum Kinder rutschen in den aufblasbaren Rutschen, nur wenige kurven in Karussells umher. Ein paar Verstreute bummeln über den Flohmarkt. Kaum jemand kauft etwas.



Und in der Westerstraße, nur einen Eiskugelwurf entfernt vom Festgelände? Ist es plötzlich so leer wie seit Langem nicht in der kleinen Stadt. Die Eiswaffel-Leuchtreklame hängt noch, einschalten wird sie keiner mehr. Der Wind pfeift durch die große schlammige Baubrache, die hinter schief stehenden Gitterzäunen direkt neben dem „Venezia“ klafft. In der Ferne zieht der Dampf der Papierfabrik schräg. Nur ein paar Verstreute halten vor dem Eiscafé, steigen aus, zucken mit den Schultern, fragen: „Jetzt schon?“
Ein paar von ihnen stapfen stattdessen in die Grill-Ecke gegenüber und bestellen ein paar fettige Pommes statt Eis. Vanessa selbst holt sich kurz etwas auf dem Mittelaltermarkt, grüßt hier und dort. Man kennt sich, kennt ja fast alle in der Stadt. Das bleibt über das Eiscafé hinaus.
Während Vanessa sich kurz unter die Menschen mischt, schiebt ein kleines Mädchen eine Karte mit liebevoll gemalten Eiskugeln und guten Wünschen durch einen Schlitz in der Eingangstür. „Ich bin sehr, sehr traurig, dass die Eisdiele zumacht. Sie hatten doch sogar einen Pokal“, sagt sie. Der stand, sorgsam poliert auf dem Eistresen. Sie ist mit ihrem Vater auch extra aus einer anderen Stadt nur fürs Eis nach Weener gekommen. Und in der Karte steht: „Wir werden Euch vermissen.“ Und: „Alles Liebe für Euch und für Tom.“ Und: „Viel Kraft!“ Und dann fragt die Kleine: „Papa, wo werden wir denn jetzt stattdessen Eis essen? Und wer hat denn sonst so einen Pokal?“
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