
Das Bett ist ein schöner Ort. Wir verstehen uns. Ich bin gern dort. Entsprechend denke ich öfter: „Da könnte ich mich reinlegen.“ Um mich nach anstrengenden Tagen auszuruhen, um Kissen zur Burg aufzustapeln, mich anzulehnen und ein gutes Buch zu lesen. Es gibt umwerfend gute Gründe, das Bett zu besuchen. „Da könnte ich mich reinlegen“, denke ich aber auch bei anderen Anlässen öfter.
Gerade dann, wenn etwas so gut ist, dass alle Sinne knistern und die Gaumenknospen mit weichen Knien zittern. Das ist bei Snirtje so, dessen sämige Saucenreste ich am liebsten mit Brot noch aus dem Topf wische. Das ist bei ganz vielem anderen Leckeren so, wobei ich auch noch nie versucht habe, mich in heiße, schmurgelnde Sauce zu legen und ehrlich gesagt auch unsicher bin, wie gut sich das wirklich anfühlen würde – insbesondere verglichen mit dem Bett.
Dennoch bin ich einmal mehr an diesem Moment gelandet, als ich mir selbst Kardamom-Pancakes mit gehackten Pistazien und Honig-Limetten-Sirup aufgetischt habe. Besser als mit so einem Frühstück kann ein Tag kaum beginnen (nachdem man sich widerstrebend überwunden hat, das kuschelige Bett zu verlassen).
Pfannkuchenliebe ist ja grundsätzlich weit verbreitet. Die kann aber umso heißer entbrennen bei der Raffinesse dieses Rezepts, das Noor Murad in ihrem wundervollen Buch „Lugma“ kredenzt. Für sie waren „Pfannkuchentage“ nach Weihnachten sogar die feierlichsten Tage des Jahres.
Bei diesen besonderen Fladen, die ihre Mutter servierte, kein Wunder: Zartzitronige Kardamom-Noten schillern im sonst ja oft eher schnöden Teig, Limettenzesten verjagen die letzten Langeweile-Reste aus den Teigwinkeln. Übergossen werden die kleinen Fladen mit einer Art Butter-Karamellsirup aus Honig, Limettensaft und Orangenblütenwasser. Die Mundwinkel sind mitunter überfordert, ob sie sich inmitten der Süße genussvoll entspannen oder vor frischer Säure und zarten Bitternoten zusammenziehen sollen.
Und es wäre nicht vermessen zu vermuten, dass sogar die Königin von Saba sich die royalen Finger nach diesen Pfannkuchen geleckt hätte: Soll sie doch einst dem einfachen Volk verboten haben, Pistazien zu essen, damit sie selbst umso mehr davon genüsslich verschlingen konnte. Und eine ganze Menge fein gehackter, Gaumen neckender Pistazien – in Persien wegen der gespaltenen Schale auch „lächelnde Nuss“ genannt – veredeln auch dieses Rezept.
Das Gute daran für faule Wochenenden, an denen einen höchstens die Verheißung solch sinnlichen Genusses überreden kann, die Kissenburg zu verlassen: Der Sirup lässt sich im Voraus zubereiten. Faule Genießer können, statt Kardamom frisch zu mörsern auch gemahlenen nehmen – und so sind es gar nicht so furchtbar viele Arbeitsschritte bis zu einem warmen, köstlichen Frühstück, bei dem hinreißende Aromen miteinander unter einer Decke stecken und das ein wenig schmeckt wie aus Aladins Wunderlampe auf den Teller gezaubert. Umso besser: Umso schneller zubereitet, kann man damit sogar rasch zurück ins Bett. Dort frühstücken. Und wer genau das tut, hat gleich doppelt was zum Reinlegen.

Das braucht man für die Kardamom-Pancakes mit gehackten Pistazien und Honig-Limetten-Sirup
110 g Weizenmehl (Type 405 / Allzweckmehl)
1/8 TL feines Meersalz
Samen aus 15 Kardamomkapseln, fein im Mörser zerstoßen – alternativ 1 TL gemahlenen
2 große Eier
280 ml Vollmilch
20 g ungesalzene Butter, geschmolzen, plus zusätzlich 30 g zum Braten
25 g Pistazien, geröstet
1 1/2 TL feiner Zucker
1 1/2 TL fein abgeriebene Limettenschale (die Limetten werden für den Sirup verwendet)
Für den Honig-Limetten-Sirup
100 g flüssiger Honig
30 g ungesalzene Butter, in Würfel geschnitten
5 EL Limettensaft (von etwa 3 Limetten)
1 TL Orangenblütenwasser
1 kleine Prise Salz
So bereitet man die Kardamom-Pancakes mit gehackten Pistazien und Honig-Limetten-Sirup zu
Ganz wichtig: Das Rezept einmal gründlich von vorn bis hinten lesen!
Nicht glauben: Ich kann schon kochen, ich brauche nur die Zutatenliste, dann schaukle ich das schon. Das habe ich beim ersten Mal getan, als ich dieses Rezept gekocht habe. Da habe ich alle Zutaten für den Sirup gleichzeitig in den Topf geschmissen und erhitzt. Sogar die Limettenzesten und zwar von einer ganzen Limette. Und alles schmurgeln lassen. Und wieder abkühlen lassen, weil ich die Pfannkuchen erst viel später zubereiten konnte, zeitlich.
Was ist dadurch passiert: Viel zu viele Limettenzesten, die viel zu lange in Honigkaramell rumgeschmurgelt sind, sind bitter geworden. Durch mehrmaliges Aufwärmen ist der Karamell auch noch viel dunkler geworden. Ohne Aufwärmen ist er, weil es fester Honig war, aber auch sehr fest geworden. Sodass Aufwärmen alternativlos war. Mit entsprechenden Folgen. Dunkleres Karamell. Tiefer im Aroma, aber mit einer deutlich malziger-bittereren Note als er sie sonst hat. War auch gut, aber es ist sehr viel leichter und beschwingter, wenn man das Rezept befolgt. Und natürlich fehlten die Limetten-Aromen im Knusperteig. Weil auch die Zesten waren ja in den Sirup geplumpst. Und auch die blumigen Orangenwassernoten fehlten am Ende bei mir völlig, weil sie komplett verdunstet waren – ich hatte das feine Zeug nicht ganz kurz vor Schluss hinzugetröpfelt, sondern wollte alle Zutaten gleich zu Beginn miteinander bekanntmachen. Weiß ich jetzt. Weiß inzwischen auch: funktioniert anders viel besser.

Und wie macht man es jetzt?
Sich irgendwie überwinden, das Bett zu verlassen und aus den Decken zu schälen. Das Mehl in eine mittelgroße Schüssel sieben, dann mit dem Salz und zwei Dritteln des zermörserten Kardamoms verrühren (Faule und Müde, die noch keinen Kaffee hatten, nehmen einfach gemahlenen). Eine Mulde in die Mischung massieren, die Eier hineinschlagen und die Milch dazugießen. Derweil die Butter schmelzen. Ein bis zwei Minuten glatt und klümpchenfrei verquirlen, dann die geschmolzene Butter unterrühren. Den Teig 20 Minuten ruhen lassen.
Der Limettenschale mit einem Zestenreißer oder einer Reibe zu Leibe rücken. Die Pistazien im Mörser grob zerstoßen (sofern man nicht faul ist und gehackte gekauft hat). Zucker, Limettenschale und den restlichen Kardamom hinzufügen und alles nur kurz vermengen. Beiseitestellen.








Eine Pfanne auf mittlerer Stufe erhitzen. Noor Murad empfiehlt hier, eine Crêpepfanne zu nehmen, 24cm. Ich habe keine. Und ob man mehrere kleine Pfannküchlein in Pfannen-Séparées zubereitet oder sie in eine Pfanne kleckst: Ich finde, bei köstlichem Frühstück sind wildschöne Unregelmäßigkeiten eher charmant. Man bereitet sie ja vielleicht auch eher zerstrubbelt, ungekämmt und in Schlafklamotten zu, am Wochenende.
Jedenfalls: Ein kleines Stück Butter in die erhitzte Pfanne geben und durch Schwenken verteilen. Etwa 3 Esslöffel Teig (zwei Drittel einer Kelle) in die Mitte geben und die Pfanne schwenken, sodass der Teig den Boden gleichmäßig bedeckt.

Backen, bis der Teig angezogen ist, an den Rändern fest wird und die Unterseite des Pfannkuchens stellenweise goldbraun ist, dann wenden weiter backen. Je nach Hitze der Pfanne kann das in ein bis anderthalb Minuten passiert sein. Aber offene Augen und Nasen helfen, dass nichts verkohlt.

Noor Murad rät: „Auf eine große Platte legen und zunächst zur Hälfte, dann noch einmal zur Hälfte falten, sodass ein Dreieck entsteht.“
Wozu die Nicht-Quadrierung aber Dreieckisierung des Kreises dient? Bleibt mir etwas unklar. Rund schmecken die Aromen genauso gut.
Mit dem restlichen Teig ebenso verfahren (den Teig zwischendurch kurz umrühren) und jedes Mal etwas Butter in die Pfanne geben, „bis insgesamt 8 Pfannkuchen gebacken sind“, rät Noor Murad. Oder eben, bis der Teig aufgebacken ist.
Für den Sirup den Honig in einen großen Topf mit Deckel geben und bei mittlerer Hitze erhitzen. 10–12 Minuten unter gelegentlichem Rühren köcheln lassen, bis er unter der Hitze leidenschaftlich brodelt, blubbert und eine tief bernsteinfarbene Karamellfarbe annimmt.




Die Butterwürfel vorsichtig einrühren, bis sie geschmolzen sind. Limettensaft und 2 Esslöffel Wasser hinzufügen und weitere 3 Minuten kochen, bis die nun frech-säuerliche Karamell-Sauce seidig glänzt. Kurz vor Ende das Orangenblütenwasser einrühren (die Aromen sind sehr flüchtig, daher nicht früher!), dann die Pfannkuchen hineingleiten lassen (es ist nicht schlimm, wenn sie sich überlappen oder nicht vollständig bedeckt sind). Den Deckel auflegen und 2 Minuten erhitzen, damit sie durchwärmen.
Die Pfannkuchen auf eine große Servierplatte geben, den übrigen Sirup aus der Pfanne darüberlöffeln, mit der Pistazienmischung bestreuen und warm servieren. Wo? Am besten im Bett. Zum doppelten Reinlegen.




Musik zum Menü
Wonach klingen in Bahrain wurzelnde Kardamom-Pfannkuchen mit Honig-Limettensirup, einem Wisperhauch Orangenblütenwasser und Pistazien? Vielleicht nach alledem.
Nimmt man das Orangenblüttenwasser, könnte man natürlich direkt mit einem Güterzug durch die Prärie rattern, während Johnny Cash auf der Klampfe „Orange blossom special“ knödelt. Aber der Zug fährt für mich in die falsche Richtung. Viel passender sind da für mich „Orange Blossom„, die wundersame World-Music-Truppe aus Nantes in der Normandie, die orientalische Klänge und Anklänge an den Maghreb mit Westlichem verbinden und deren traumschöner Titel „Ya Sidi“ ein kleines poetisches Wunder ist, das ganz im Anfang sogar einen Hauch des „Adagios“ von Samuel Barber einflicht – und dann rasch abbiegt, dessen Refrain allerdings verblüffend nah an der „Gnossienne No. 1“ von Erik Satie ist.
Und tatsächlich passen das mysteriöse Schimmern der Aromen im goldglänzenden Sirup und das gemächliche Zerfließen des Teigs in der brutzelnden Pfanne zur „Gnossienne No. 1“ von Erik Satie, und vielleicht bäckt man sich die Pancakes in einer winzigen Dachwohnung in Montmartre, während draußen der Regen zart auf den Blechdächern trommelt und vom Bett aus der Blick über die Dächer hinweg zur Sacré Cœur geht, die ihre bauchige Kuppel den Regenwolken entgegendehnt. Und gerade das rätselhafte Fließen der Gnossienne, ohne jeden Taktstrich notiert, frei in der Zeit und voll seltsamer Spielanweisungen „du bout de la pensée“, „vom Ende des Gedankens“, etwa – „postulez en vous même“, in etwa: „streng Dich an“… oder „sur la langue“, „auf der Zunge“. So wie der Sirup schillernd auf der Zunge zergeht, verschmilzt die Musik beim Hören mit Gedanken.
Und eben da, wo der lange Zeit verharrende, schwebende Moll-Grundakkord plötzlich herabbricht und kurz in die Tiefe steigt, Musikwissenschaftler könnten hier raunen „von der Tonika zur Subdominante“, genau da überwölbt ihn die Melodielinie, die sich in „Ya Sidi“ findet. Und die „Gnossienne“ nimmt das Verschmelzen modaler orientalisch angehauchter Skalen, die Satie auf der Weltausstellung 1899 entdeckt haben soll, vorweg. Eins meiner Lieblingsstücke eines meiner Lieblingskomponisten. Grund genug, das zu Pfannkuchen zu servieren.
Und eigentlich könnte man danach, sinnlich genießend, noch die „Musique d’ameublement“ hinterherspielen. 1917/18 mit der Idee komponiert, dass sie den Raum füllt wie ein Möbelstück: präsent, aber nur als sanftes Rauschen am Rande der Aufmerksamkeit. So sehr auch diese Musik sie verdient hatte.
Eben dieses sanfte Rauschen am Rande der Aufmerksamkeit gelingt aber auch Caribou mit „Lime“. Die Musik gewordene Limette wabert sanft, pulsiert puckernd und psychedelisch vor sich hin, umfängt die nachtzerstrubbelten Haare vor den Ohren und hilft, ganz sanft zu wecken, um sich dann – noch gähnend – aufzuwuchten, in die Küche zu schlurfen, Kaffee aufzusetzen und zu überlegen, ob man jetzt richtig geile Pfannkuchen backt oder sich doch nochmal ins Bett kuschelt.
Natürlich kann man Frühstück auch einfacher haben. Vielleicht einfach Müsli in eine Schüssel rieseln, es mit Milch duschen und darin baden lassen. Es ist ein anderes Erlebnis, als in den Pistazienknack in fluffigen Kardamom-Pfannkuchen zu beißen. Musikalisch einfacher, aber dennoch zauberzart, die gemütlich schringelnden Gitarrenakkorde von Besen umstrichen und mit einer Stimme so dunkel wie sehr lang karamellisierter Sirup, kommt Bill Callahan daher. Und serviert „Breakfast“. Wie schön.
Mit solch einer sirupdunklen Stimme raunt ja auch Nick Cave gern sprechsingend ins Mikro, während seine „Bad Seeds“ unter perlenden Klaviersprenklern dunkel glänzende Klangfolgen an den Himmel zum Trocknen aufhängen. Und kaum einer erntet so berückend poetisch Limetten wie der Großmeister und Elvis-Gedächtnis-Tollen-Träger in „Limetree Arbor“.
Wem morgens beim Frühstück, ob mit Pfannkuchen oder auch nur Kaffee und Kippe, die Hummeln im Hintern schwirren, der bewegt ihn vielleicht auch rhythmisch zu „Breakfast“ von Benjamin Braatz. Während ich um den ESC ja in der Regel große Bögen mache, mag ich, wie der Hagener, der im Vorjahr für Deutschland beim Wettbewerb Punkte holen wollte, hier mit beschwingtem, zart tanzendem Indierockpop Bögen spannt.
À propos zart: Zarter als bei Lisa Hannigan haben Pistazien selten geknackt. „Pistachio“. Eine wundersanft gehauchte Ode an die lächelnde Nuss der Sängerin, die die sensationellen Alben von Damien Rice als Duett-Partnerin veredelt hat. Zum Frühstück mit diesen Pfannkuchen beinahe ein Muss (Memo an mich selbst: bei ungeplant auftauchenden Reimen nächstes Mal das Metrum angleichen).
Und während die Schlafkrümel noch in den Augenwinkeln dösen und der Traum langsam dem Morgendämmern weicht, passt auch ein zauberzartes Song-Juwel wie „Cardamom“ von Weyes Blood wundervoll. Und wer immer im Bett eingekuschelt sich nochmal umdrehen darf, während andere vielleicht sogar Pfannkuchen zum Frühstück bereiten, darf sich glücklich schätzen. Wenn es dabei aus der Küche nach Kardamom duftet: noch viel besser. Und wenn es zudem noch so klingt…
Weil es neben In-den-Tag-Trödlern auch die verstörend energieberstenden Morgenmenschen geben soll, deren Hummeln im Hintern mit dem Weckerklingeln energisch lossirren und voller Elan dem Tag zuwinken, mag für manche auch „Pistachio“ von Order 69 viel passender sein. Gewitzt, energisch, tanzend (am besten aber ohne Kaffeebecher in der Hand).
Und irgendwann ist ja auch mal gut mit all der sanften Zartheit, sonst startet man in den Tag als klettere man in einen Marshmallow. Und da braucht es dann den bebend-poetischen Ruck von Touché Amoré und Manchester Orchestra, die Dich wachschütteln und ins Rampenlicht des Tages auf die Tanzfläche in der Küche schicken. Einmal kurz moshen, während der Pfannkuchen in der Pfanne schmurgelt und das Karamell im Topf blubbert? Mit „Limelight“ eine Riesenidee. Zumal auch da ja noch die Limette drinsteckt. Und Energie, die weit in den Tag trägt, vielleicht gestärkt mit Pancakes, Pistazien und diesem dunkelklebrigen Zeug, von dem man nicht genug bekommen kann.
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