
Enthält unbezahlte, eigeninitiative Werbung
durch Namensnennung, das Rezensionsexemplar
wurde mir auf eigene Anfrage kostenlos zur Verfügung gestellt
Wenn draußen Schneeflocken vom Himmel segeln, Kälte wie ein tollwütiger Hund umherrennt und wahllos in jedes Körperteil beißt, das nicht dick genug vor ihren scharfen Zähnen eingepackt ist, ist es eine gute Zeit, um sich einen heißen Kakao aufzugießen (vielleicht sogar mit Liebstöckel) und sich unter eine Decke aufs Sofa zu kuscheln und fortzuträumen. Und vielleicht darüber nachzudenken, auf welchen anderen Wegen abseits vom Gewohnten sich zum Beispiel Grünkohl noch zubereiten lassen könnte. „Wie, andere Wege?“, brummelt da der an seiner Scholle klebende urostfriesische Bauer in mir, der nichts frisst, was er nicht kennt. Und warum sollte man denn andere Wege nehmen, wo der so bewährte doch an ein überragend köstliches Ziel führt? Von kessem Senf im Innersten zusammengehalten, brühesatt, wurstwürzig vor Umami strotzend, hafersämig, schlotzig, gern zu krossen Bratkartoffeln. „Na, vielleicht blüht er in anderer Gesellschaft ja ganz neu auf?!“, könnte man kontern. Wie jemand, der allzu satt geworden ist in einer langjährigen Beziehung und plötzlich in der Drittel-Life-Crisis ausbricht, vielleicht plötzlich einen Töpferkurs belegt, sich die Haare schrill neu und anders färbt, sich mit ganz anderen Menschen trifft und Clubnächte mit ihnen durchtanzt. Derselbe Mensch kann in Umgebung anderer Menschen überraschend anders schillern und strahlen, wirken und handeln. Warum also nicht auch Grünkohl die Chance geben?
Zumal Grünkohl ja nun keine Erfindung der Ostfriesen war. Er taucht im irischen Nationalgericht „Colcannon“ (hier im Blog gibt’s ne raffinierte Curry-Variante) ebenso auf wie in diversen italienischen Rezepten, wo die Menschen seinesgleichen als „Cavolo nero“ verspeisen. Die schottische Köchin und Autorin Catherine Brown etwa ist der Meinung, dass Grünkohl roh oder gebraten mit Ingwer besser schmeckt. Das harmoniere besonders gut mit der nussigen Note von leicht gebratenem Grünkohl. Woher ich das weiß? Zu den besten Dingen, die man an rattenkalten Tagen mit Decke und Kakao auf dem Sofa tun kann, während man sich solche Fragen stellt, gehört es, sich in die Wunderwelt von Niki Segnit zu begeben. Vor vielen Jahren schon entdeckte ich bei Jan, einem meiner liebsten Freunde, ihren „Geschmacks-Thesaurus“. Das weltgewandt-gebildete, wahnsinnige, witzige und unkonventionelle Werk von 2010 hat ihr Weltruhm eingetragen, mich damals aber zugleich völlig ratlos und fasziniert hinterlassen: eine bilderlose Bleiwüste, in der die Autorin Aromen in einem gleichzeitig genial geordneten wie chaotisch spannenden Haufen von Assoziationen durch ihr eigenes Prisma funkeln ließ, das die Welt so vorher noch nicht gesehen hatte. Schlau, aber ohne Schaugrafiken, warf sie all ihr enzyklopädisches Wissen über Speisen, Geschichte und Geschichten, über Zutaten und Geschmacksverbindungen in einen Topf, kombinierte Gewagtes, flocht kleine Rezepte oder auch nur aphoristische Gedanken ein, die einen rätseln ließen, was das hier gerade eigentlich war? Gewitzte Gaumengymnastik? Kochbuch? Ratgeber? Fast 100 Lebensmittel, geordnet nach fruchtig bis erdig, quer durch den Kräutergarten kombiniert in rund 4000 Varianten. Foodpairing-Bibel ohne Schaubilder? Frei assoziierender Anekdoten-Almanach? Alles und nichts. Wild. Wahnsinnig. Gut. Eine genialische Datingbörse für Kochzutaten.

Mit „Intuitiv kochen“ („Lateral cooking“) legte Niki Segnit 2019 ein ebenso gewitztes wie besonderes Werk nach, das sich auf die detektivische Spurensuche nach Ähnlichkeiten im Unterschiedlichen bei der Zubereitung von Speisen und vor allem Brot und Gebäck machte. Und nun, nun hat sie es noch einmal getan, hat den guten Zurednern Wünsche erfüllt, hat weiteren Aromen und Zutaten nachgespürt, wieder mal gewagt, mal raffiniert kombiniert, hat enzyklopädisches Wissen aus der Weltgeschichte der Kochbücher zusammengeklaubt, diesmal mit ganz eindeutig vegetarisch-veganem Fokus. „Der Geschmacksthesaurus – noch mehr Aromen“ ist kürzlich erschienen, vom Kollektiv der Textwerkstatt wortgewitzt ins Deutsche übertragen.
Teils greift sie Zutaten aus dem ersten Band auf, stellt ihnen aber neue „Gegenspieler“ in den Weg – von Aubergine über Quitte bis Yuzu. Sie hat wieder mit wenigen Pinselstrichen umrissene Rezepte zu besonderen Kombinationen eingestreut und eine weitere genialische Mischung aus Chemie-Experimentierkasten mit Anleitung und Lesefibel für Leckermäuler, in das man fast wahllos eintauchen kann und quasi überall nach kürzestem Schürfen auf Gold stößt, überall Überraschungen lauern, Formulierungen, die auflachen lassen, Wissen sich ballt, das sich auf der nächsten Party auspacken und anbringen lässt. Und was man dabei nicht alles lernt. Und mit welchem Spaß.
Die Frucht, deren Verzehr im Altertum verboten wurde, war höchstwahrscheinlich gar kein Apfel, sondern eine Quitte. Auch die Granatäpfel im Hohelied Salomos: Quitten. Der goldene Apfel, der den Trojanischen Krieg auslöste: Ihr könnt es Euch denken. Schmeckt in Verbindung mit Honig übrigens wie Herbst im 15. Jahrhundert. Wenn aber Apfel, lernen wir, tauchte schon in in Shakespeares „Henry IV“ die in Skandinavien bis heute lebendige Verbindung von Äpfeln mit Kümmel auf. Als Marmelade mit Pflaumen verkocht, mussten britische Soldaten im Ersten Weltkrieg ihre Kalorienzufuhr damit decken, begehrten genau dagegen aber auf, und schon zuvor sinniert Leopold Bloom in James Joyces famosem „Ulysses“, dass er viel lieber Marmelade aus Schwarzen Johannisbeeren zu seinem Pudding essen würde als „diese Zwei-Pfund-Töpfe mit gemischten Pflaumen und Äpfeln“.
Wer weiter eintaucht erfährt: Wie die Gremlins sollte Grünkohl von Wasser ferngehalten werden. Lieber sollte schmurgelnd heißes Öl die Aromen hervorkitzeln, kurzgebraten.
Eine gute Pistaziencreme ähnelt einem Glas Bachschlamm bei Ebbe.
Dattel und Backpflaume etwa sind wie einst Joan Crawford und Bette Davis. „Sie fühlen sich in der Gesellschaft der jeweils anderen unwohl, daher ist es am besten, sich für die eine oder die andere zu entscheiden.“
Naturjoghurt und Knoblauch sind in Verbindung ein wenig wie Spencer Tracy und Katharine Hepubrn in „Ehekrieg“. „Es ist manchmal schwer zu sagen, wo die eine Spitze endet und die andere beginnt.“
Blumenkohl hat im Vergleich zu anderen Kohlsorten einen leicht cremigen Charakter. Als hätte sich ein Brokkoli aus Kalabrien gewünscht, er wäre ein Camembert.
Wenn man Avocado mit Honig zum ersten Mal probiert ist das so, als käme man in ein Haus, in dem man vor Jahrzehnten gewohnt hat – gleichzeitig vertraut und beunruhigend ungewohnt.
Auberginen werden auch durch Granatapfelkerne nicht hübscher, „aber man hat nicht mehr das Gefühl, alte Pantoffeln zu essen“. Cashewkerne schmecken wie frittierter Kuchenteig.
Niki Segnit nimmt uns auch wiederholt mit auf Reisen, denn manche Aromenkombinationen haben Erinnerungen an Erlebtes dort geweckt, etwa auf die winzige Insel Burano vor der venezianischen Lagune, wo sie nach einem Einkaufbummel ins taubenüberflatterte Touristenmekka wie eine Detektivin in einem Hafen umherpirscht, nachdem sie Schuhe aus chinesischer Seide in der Farbe eines Himmels von Tizian gekauft hat, weil doch – heilige Makrele! – irgendwo in diesem Landeplatz für Seelenverkäufer eine gottverdammte Bar sein muss. Und tatsächlich dringt da von irgendwo aus einer versteckten Ecke Gemurmel, informell, hinter Vorhängen. Die geheime Palastspelunke des Dogen? Und was die da soffen: Mit Cannabisknospen versetzten Sprit, grünliches Gebräu, das mit halluzinogenen Polzen versetzt war! Sie nippten trotzdem. „Bald wurde die Zeit zu einer dreidimensionalen Substanz mit einer etwas schwammigen Konsistenz, wie ein mit Maismehl gefüllter Luftballon.“ Mit flatterwirrem Hirn und zerstreuseltem Orientierungssinn und von der Enge der Billigschlappen schmerzenden Füßen ertasten ihre Finger in einer Tasche etwas feuchtes. Pinza, Kuchenstücke, deren Teig von Apfelscheiben befeuchtet, mit Pinienkernen, Rosinen und Fenchelsamen verziert in der Dreikönigsnacht mit Rotwein gegessen wird, wenn das Alte in Lagerfeuern verbrennt und Platz für Neues geschaffen wird. Soll Glück bringen.
Nun ist das Ganze klug komponierte kulinarische Raffinesse und kein selbstgefälliger Reigen möglichst kurioser Aromen-Metaphern. Und wenn man nun also, wie ich, grübelt, welche neuen Wege man gemeinsam mit Grünkohl begehen könnte, schlägt man dann eben mal nach – und findet im neuen Werk auch eben Grünkohl, diesen „kalten und herzlosen“ Kohl: „dunkel und kraus, gehaltvoll und unwiderstehlich. Dementsprechend würden die englischen Decknamen von Grünkohl zum finsteren Antihelden eines Romans aus dem 19. Jahrhundert passen: Ragged Jack, Coolstock, Borecole.“ Und was kombiniert sie damit? All diesen Zutaten widmet sie eigene Gedanken: Wie wär’s mit Grünkohl und Apfel, Avocado, Cashewkerne, Chili, Hafer, Ingwer, Kartoffel, Käse? Knoblauch, Mais, Mandel, Minze, Orange, Passionsfrucht, Pekannuss, Pflaume, Pinienkerne, Pistazie, schwarze Bohne, Sesam, weißer Bohne oder Zitrone?
Der Praxistest – neue Ideen für Grünkohl
Zur Pekannuss etwa schreibt Niki Segnit: „Ihre Noten von Butter und braunem Zucker machen die Pekannuss zu einer der besten Geschmackskombinationen für Grünkohl“. Und dann vollzieht sich die Magie des Buches, die Synapsen fangen an zu tanzen, das Hirn beginnt lustvoll zu sirren und basteln, der innere Imaginiergaumen wirbelt im Geiste Zutaten zusammen. Die Lust aufs Improvisieren puckert, und die Neugier, wie nah die Wirklichkeit den Vorstellungen kommen mag, wächst. Pekannüsse: gebongt. Wo die Schottin Catherine Brown doch Grünkohl, mit Ingwer gebraten, so empfiehlt, wird auch ein wenig Rhizomgehacktes reingeschmuggelt. Für Würze, Cremigkeit und Vollmundigkeit: Hirtenkäse. Die Pekannüsse gibt’s ofengeröstet, mit Ahornsirup karamellisiert. Das Ganze auf Süßkartoffeln, ebenfalls ofengebacken, die auch noch karamellige Süße mit Herzhaftigkeit mischen. Und dann springen die Synapsen Kopsibolter und singen „I feel like more“ wie im großartigen „Digital Bath“ der Deftones: Denn in Ostfriesland isst man zu herzhaft köstlichen Schnippelbohnen ja gern Apfelmus, was aromatisch sehr ausgefuchst ist. Warum also die Grünkohlnummer nicht kreuzen mit einer Nummer, die der famose Tobias Henrichs in seinem famosen Erstlingswerk „School of Taste: Veggie“ eingeführt hat, in der er ofengebackene Süßkartoffeln mit einer Salsa aus Birne, Anis, Chili, Petersilie und Limettensaft/-abrieb kontert? Im Original bleibt die Birne roh: vertrage ich leider nicht, also wird sie sanft angeschmurgelt. Weil sie so den Biss verliert und das aromatisch passt, kommt mir dann aber die Idee, den Crunch stattdessen mit Spekulatiusbröseln hinzu zu zaubern. Und damit gelingt Niki Segnit, wozu auch ihr neues Werk da ist: Sie weckt mit ihren Ideen eigene Ideen, schürt den Spieltrieb, wirft den kulinarischen Abenteurergeist aus den Federn und macht Lust auf Kreatives in der Küche. Was kann einem Buch über Essen und Kochen Schöneres gelingen?

Das braucht ihr für den Grünkohl mit Hirtenkäse, Pekannüssen, Ingwer und Birnen-Chili-Spekulatius-Salsa auf Ofen-Süßkartoffeln
Vorweg: Das Rezept ist modular aufgebaut.
Ich finde, die einzelnen Bestandteile ergänzen sich super.
Wer keine Lust auf Süßkartoffeln hat: Ziemlich sicher schmeckt der Grünkohl aber auch zu Salzkartoffeln, Bratkartoffeln oder Pommes, auch zu Pasta.
Und wem die Birnen-Chili-Spekulatius-Salsa zu bizarr ist, der lässt sie einfach weg. Genauso kann man den Grünkohl weglassen, dann aber drüber nachdenken, ob man noch nen ordentlichen Schlag Schmand mit etwas Salz, Ahornsirup und dem Rest Limettensaft verschlägt und zusätzlich zur Birnen-Salsa auf den Ofensüßkartoffeln serviert.

Für die Ofen-Süßkartoffeln
750 bis 1000 Gramm Süßkartoffeln
Butter
Salz
Für den Grünkohl
500 Gramm Grünkohl
200 Gramm Hirtenkäse oder Feta
1 rote Zwiebel
1 kleinfingergroßes Stück Ingwer
Salz
1 Esslöffel Butter
Für die ofenkaramellisierten Pekannüsse
50 Gramm Pekannüsse
1-2 Esslöffel Ahornsirup
1 Prise Salz
Für die Birnen-Chili-Salsa
1 reife Birne, geschält, entkernt
1/2 Teelöffel Anis
1 Esslöffel glatte Petersilienblätter
1 Limette
1/2 rote oder grüne Chili, entkernt, fein geringelt
1 Prise Salz
Spekulatiusbrösel (vier bis fünf Kekse, mit dem Messer zerhackt, in ne Tüte gestopft mit dem Nudelholz zermalmt oder kurz in der Gewürz- oder Kaffeemühle zu Krümeln zerschlagen)
Zubehör:
1 große ofenfeste Auflaufform, 1 kleine ofenfeste Auflaufform
1 große Bratpfanne, 1 kleine Bratpfanne, Messer.

So bereitet man den Feta-Ingwer-Grünkohl auf Ofen-Süßkartoffeln mit Birnen-Chili-Spekulatius-Salsa zu
Die Süßkartoffeln:
Die Süßkartoffeln waschen, abschrubben, die Wurzelspitzen abschneiden, dann halbieren. Schälen ist unnötig. Die Schnittseite dünn mit Butter bestreichen, das Ganze dezent salzen und auf dem schrumpligen Rücken liegend in eine Auflaufform geben. Ofen auf 180 Grad vorheizen, dann rein mit dem Gelumpe und etwa eine Dreiviertelstunde lang backen. Wer zarter und gleichmäßiger garen will, bedeckt die Auflaufform mit etwas Ofenfestem, etwa einem Deckel, während der ersten halben Stunde: Dann wird die Süßkartoffel zunächst gedämpft. Dann Deckel runter und noch ne Viertelstunde kross backen.
Der Grünkohl:
Den Grünkohl eventuell entstrunken und waschen. Oder auftauen lassen, wenn man vorbereitete Tiefkühl-Ware nimmt.
Die Zwiebel und den Ingwer schälen und fein hacken.
1 Esslöffel Butter in einer Pfanne auslassen bei niedriger Hitze und Zwiebel- und Ingwerhäcksel etwa fünf Minuten lang anschwitzen. Dann den Grünkohl hinzugeben und mitschmurgeln. Den Hirtenkäse in Würfel schneiden und ebenfalls in die Pfanne geben. Alles, am besten bei aufgelegtem Deckel, nochmals fünf, vielleicht zehn Minuten köcheln lassen.

Die Pekannüsse
Etwa 50 Gramm Pekannüsse, gehackt oder nicht bleibt Euch überlassen, in eine kleine ofenfeste Form geben und mit 1-2 Esslöffeln Ahornsirup beträufeln und einer guten Prise Salz berieseln. Ordentlich vermengen und dann für die letzten fünf bis zehn Minuten der Backzeit der Ofen-Süßkartoffeln mit in den heißen Ofen schieben und da karamellisieren und aufknuspern lassen.
Die Birnen-Salsa mit Spekulatiusbröseln
Die Birne schälen, entkernen, in feine Scheiben oder Würfel schneiden. Den halben Teelöffel Anis in einer Pfanne ohne Fett bei mittlerer Hitze anrösten, bis er duftet, vielleicht eine Minute lang. Dann einen kleinen Klecks Öl dazugeben, die Birne hinzuwerfen, kurz anschmoren, Hitze senken. Eine halbe rote oder grüne Chilischote fein ringeln (eventuell entkernen) und die Schnitze dazugeben, die Schale einer Limette hinzureiben, Saft einer halben Limette dazupressen. Etwa zwei Esslöffel Petersilienblätter (glatt) feinhacken und dazugeben. Prise Salz dazu. Kurz schmurgeln lassen. Hitze wegnehmen. Vier bis fünf Spekulatius zu feinen Bröseln zerhacken, sei es in der Gewürzmühle, in einen Gefrierbeutel gestopft und mit einem Nudelholz zermalmt oder vom Messer zerlegt.


Zum Servieren die süß-herzhaften gebackenen Süßkartoffelhälften auf Teller geben und nach eigenem Gusto mit den Toppings belegen. Guten Appetit!







Musik zum Menü
Der Impuls war klar beim Probieren der spontanen Neukreation: „I feel like more“. So, wie es Chino Moreno, Sänger der Deftones, in „Digital bath“ auf deren vor 23 Jahren veröffentlichtem Meisterwerk „White Pony“ voller Inbrunst immer wieder singt.
Nun ist Kochen ja manchmal auch wie Musik machen, Gerichte nachkochen ein wenig wie Songs covern: Man kann alles Note für Note nachspielen, oder aber man bringt seine eigenen Ideen und Fähigkeiten, seinen eigenen Stil ein und macht aus Bekanntem etwas, das gleichzeitig neu und eigen ist und dennoch wiedererkennbar das Original bewahrt. So beispielsweise ist es bei den folgenden zwei Beispielen.
Da haben wir das Original, „Blue in green“, diesen zeitlos-stillen Modal-Jazz-Klassiker vom genialen Album „Kind of blue“ von Miles Davis.
Und dann ist da, was die genialischen Screaming Headless Torsos etwa drei Jahrzehnte später in den 90er Jahren draus machten: einen brodelnden Cocktail, in dem mal Reggae- und Bossa-Nova-Einflüsse über sphärischen Gitarrenflächen wippen und tanzen, und dann plötzlich rotzen die Gitarren giftspeiend Riffs umher, die Stimme überschlägt sich, die Welt dreht durch: was für ein Ritt, was für eine ganz eigene Nummer. Und wie kreativ und assoziativ die Ideen anverwandelt sind: vielleicht ein bisschen so, wie es mir mit Niki Segnits Buch geht und ging.
Und dann sind da, musikalisch verwandelt, noch die unzählbaren Möglichkeiten, Motive, Ideen, Themen aus neuen Blickwinkeln zu betrachten: so, wie es bei Improvisationen im Jazz gern passiert, so wie es Brahms auch mit winzigen Motivversatzstücken in seinen Sinfonien oder Klavierquintetten getan hat, so wie es auf legendäre Weise auch in den weltberühmten Goldberg-Variationen von Bach passiert. Wo ein und dasselbe Thema in immer neue virtuose, mal wilde, mal zarte Kontexte gerückt wird. Hier in einer meiner liebsten Einspielungen, der von der großen eleganten Rosalyn Tureck – egal wie legendär der nonkonformistische Furor eines Glenn Gould gewesen sein mag.
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Hallo Ole, über dieses Rezept muss ich noch nachdenken…Ein sehr gutes Rezept für Grünkohl habe ich bei Deb Perelman (smitten kitchen) gefunden, Grünkohlsalat mit Cranberries und Ricotta salata. Hat hier bisher auch den größten „Gaumenrassisten“ geschmeckt. Hanni
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Hallo Hanni! Ich kenne und liebe das Deb-Perelman-Rezept. Das jetzt war die Lust zu experimentieren. Ich war tatsächlich skeptisch. Und sehr begeistert. Ganz liebe Grüße
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Hallo Ole, ein herrlicher Beitrag und der Geschmacks-Thesaurus begleitet mich auch schon eine ganze Weile. Manchmal lese ich darin einfach nur zum Spaß und irgendwann taucht dann eine dieser Kombinationen in den Gehirnwindungen wieder auf.
Ich betrachte dein Experiment als gelungen und mach mich gleich auf die Suche nach Grünkohl, Spekulatius und dem neun Buch.
Beste Grüße, Günter
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Lieber Günter! Mit dem Geschmacks-Thesaurus geht es mir wie Dir. Gerade deshalb freue ich mich auch über den neuen Band, so dass es noch mehr zum Eintauchen und Ausbuddeln und Treibenlassen gibt. Und auch bei mir ist es so, dass irgendwann später Verbindungen und Ideen wieder auftauchen.
Und ich hab die Ideen mit dem Ingwer und der Pekannuss tatsächlich zum Ausgangspunkt genommen und war ganz ehrlich skeptisch, ob mir das wohl schmeckt. Und war dann sehr positiv überrascht von alledem. Solltest Du es ausprobieren, geht es Dir hoffentlich ähnlich. Ganz, ganz liebe Grüße. Schönen ersten Adventssonntag! Alles Liebe!
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Mein Lieblingsmann würde es lieben! Werde ihm davon erzählen, er ist immer auf der Suche nach guten neuen Dingen und Rezepten und er liebt Grünkohl 😱
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Ich bin gespannt, ob Ihr es ausprobiert – und hoffe sehr, dem Lieblingsmann mundet es dann auch. Und Dir ebenfalls. Ganz große Grünkohlgrüße! Habt ein tolles Wochenende!
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Das Buch klingt super spannend. Das Rezept ist ein bisschen verrückt. Aber ich kann es mir sehr gut vorstellen. Liebe Grüße, Rita
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Das Rezept ist tatsächlich ein bisschen verrückt. Aber auch ein bisschen lecker. Sogar ein bisschen sehr lecker. Finde ich. Und das Buch ist fantastisch. Ganz liebe Grüße
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Wundervolle Nachtlektüre voller wundervoller kulinarischer Erkenntnisse. Ich bin jedesmal so froh, zu sehen, lesen, dass es noch mehr so Nerds gibt. Verrückt. Genial. Belesen. Forschend. Alles. Ein nimmersatter Geschmacksthesaurus. Die Welt ist schön.
Bonne Nuit. A bientôt.
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Wer weiß, was es für Nimmersatte nicht auch hier noch schon zu entdecken gibt oder zu entdecken geben wird?
Ganz ganz lieben Dank! À tout à l‘heure!
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Oha! Ich wage ein Outing: wegen Grünkohl laufe ich meilenweit, aber grundsätzlich weg davon. Im Ernst, ich habe früher bei Freunden übernachtet, wenn bei uns zuhause Grünkohlessen anstand, weil allein der Geruch mir zutiefst zuwider war.
Die einzige Zubereitung, die ich bisher möchte, waren im Ofen crunchy geröstete Grünkohlblätter. Die schmecken fast nicht mehr nach Grünkohl.
Es wäre wohl an der Zeit, mich der Sache mit Kleinstmengen noch einmal ganz neu anzunähern… (und überhaupt auch mal wieder selbst zu bloggen, statt nur bei dir und anderswo mitzulesen.)
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moin Ole, ein irres Rezept. Ich kenne bisher nur Grünkohlchips (klasse, lecker und schön knusprig) und Grünkohl durcheinander. Mit Mettwurst, Kartoffeln, Zwiebeln und Senf. So wie man es eben im Rheinland kocht. Aber wenn du so was Wildes kocht, dann schmeckt das bestimmt sehr gut.
Liebe Grüße, Karin
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In Ostfriesland isst man Grünkohl traditionell ja auch mit Kochmettwurst, Kasseler, Pinkel, Schinkenspeck, Zwiebeln, Senf, Brühe… dazu karamellisierte Kartoffeln oder Bratkartoffeln. 🙂
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Aber wilde Dinge sind tatsächlich super
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Mensch Ole, was für eine geniale Reise der Gaumenfreuden! Grünkohl mit Pinkel ist hier im Süden leider seltenst am Start. Grünkohl allgemein irgendwie.
Beim Bachschlamm fragte ich mich, wie wohl Nikis Urteil zur Dubaischokolade ausfiele.
Avocado mit Honig fasziniert mich ebenso wie Deine intergalaktisch irre wie geniale Gaumenzauberei.
Habt ein wunderbares Weihnachtsfest!
Ganz liebe Grüße
Carina
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Hui! Tausendundeinen Dank, meine Liebe! Und Nikkis Urteil zu erfahren wäre schon spannend zu Dubai-Schokolade. Hier oben hat man ja mit Grünkohlschoki als Alternative gewitzelt. Ich selbst hab sie noch nicht probiert.
Viel zu spät ganz liebe Grüße
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