
Ungarischer Hackfleischtopf – einfaches Rezept, so lecker!
Vor ein paar Tagen glitt ein Storch über die Weiden, unter grauen Wolkenhimmeln hindurch flog er, die Schwingen wie zum Gruß ausgebreitet. Ein wenig majestätisch, vielleicht auch ein wenig verirrt, denn eigentlich, dachte ich, müsstest du doch jetzt tief im Süden sein, wo es warm ist, du Zugvogel. Hat die Kälte das Land doch noch im Klammergriff, und nach all dem Regen haben sich Weiden und Äcker in Seenplatten verwandelt. Ich bin niemand, der allzu abergläubisch ist, der an Zeichen glaubt. Und doch wurde mir kurz nach dem Storchenflug das Herz schwerer, erinnerte er mich doch daran, dass meine geliebte Ziehoma Hanna an diesem Samstag Geburtstag gefeiert hätte und 95 Jahre alt geworden wäre.
Sehr wahrscheinlich hätte sie wieder ihren legendären Apfel-Streuselkuchen gebacken, vielleicht hätte es auch ihre wundervoll aromatischen Neujahrskuchen gegeben – oder auch die Mandarinen-Sahnetorte mit Baiserhaube, für die sie ebenso bekannt war. In jedem Fall hätte es Ostfriesentee gegeben in ihrem kleinen Hexenhaus am Waldesrand, hinter dem Störche über viele, viele Jahre auf einem zehn Meter hohen Mast oder einem daneben stehenden hohen Baumstumpf ihre Nester bauten, und jedes Jahr wartete Hanna mit zärtlicher Unruhe auf den freudigen Moment, wenn sie wieder einen Storch sehen würde – und hoffte gastfreundlich, er ließe sich bei ihr nieder. So wie ihr das Herz in zarter Freude auch aufging, wenn die ersten Schneeglöckchen und Märzenbecher sprossen und nach den kargen Wintermonaten einen Hauch von Frühling und Blütenpracht spürbar werden ließen.
Keine Ahnung, wohin der Storch unterwegs war. Mich aber erinnerte er an die, die fehlt. Deren Herzenswärme und ehrliche Freude jeden meiner Besuche begleitet hat. Sie, deren Küche mich als Kind geprägt hat, und bei der fast alles, was sie kochte, zu meinen absoluten Lieblingsgerichten wurde – nicht nur der famose Apfelkuchen. Was sie kochte, war der Inbegriff dessen, welch wahnsinnige Wirkung Liebe beim Kochen hat. Denn kaum etwas, was sie zubereitete, war hohe Küche. Wenige Gewürze, in ihrer legendären Rindfleischsuppe landete auch Fertigbrühe. Doch ging mir das Herz über vor Genuss und Freude, wann immer ich einen Teller davon bekam. Es ist inzwischen eine Weile her, vor gut anderthalb Jahren am Muttertag hörte Hannas Herz auf zu schlagen, hörte sie auf Mutter zu sein – und mir Ziehoma, die mehr Oma für mich war als irgendjemand sonst auf dieser Welt, wenn auch nicht verwandt, so doch trotzdem ganz nahe Familie.

Sie besaß nicht einmal ein Kochbuch, zumindest habe ich keins je in ihrer Küche stehen sehen. Nur eine kleine Kladde, in die sie Lieblingsrezepte per Hand gekritzelt hatte, und in der sie als Loseblattsammlung Rezeptschnipsel legte, die sie in Fernsehzeitungen entdeckt und für spannend befunden hatte. Und ich weiß noch wie sie, es muss Ende der 80er Jahre gewesen sein, in einer dieser Zeitschriften, es dürfte „TV Hören und Sehen“ gewesen sein, ein Rezept entdeckt hatte, das ihr selbst fremd schien: ungarischen Hackfleischtopf. Oft saß sie auf dem kleinen beigen Sofa in ihrer Ecke im Wohnzimmer und blätterte. Später auch oft in ihrer kleinen Küche mit den großen Fenstern und Blick auf den blühenden Garten und dem liebevoll aufgehängten Kindergebastelten, wo sie mit einer Lupe las – oder „meinen Film“ sah. Irgendeine Telenovela.
Sie hatte den Hackfleischtopf einfach ausprobiert, bot ihn mir eher unsicher an. Und ich weiß noch, wie fremd mir die ersten Bissen waren. Kannte ich doch Bolognese-Sauce auf Nudeln, und diese hier sah doch durchaus ähnlich aus – und schmeckte doch so aufregend anders. Kühner, wilder. Mit den zartbitteren Aromenspitzen der Paprika, grundiert in den Aromen von kecker Senfschärfe, säuerlicher durch, nun, saure Sahne. Und doch ging mir auch hier das Herz auf und wurde auch dies zu einem meiner Lieblingsgerichte. Ihre kleine handgeschriebene Kladde habe ich nach ihrem Tod geerbt – und sie noch vor ihrem Tod nach einigen der Rezepte gefragt, auch nach diesem. Doch der Zettel war verschwunden, der Kopf zwar noch wach, manche Erinnerung aber blasser geworden. „Ole, ich weiß es nicht mehr“, sagte sie.

Eigentlich wollte ich tatsächlich auch in diesem Jahr wieder ihren Apfelkuchen backen, ihr zu Ehren. Doch dachte ich: Auch wenn dieses so schlichte Rezept, dieser Hackfleischtopf in seinem blass gewordenen, zerknitterten Papierfetzen-Original aus der Fernsehzeitung verschwunden ist, versuche ich zumindest, ihm nahe zu kommen. Und so wenig ich ermessen kann, wie viel das noch mit einem ungarischen Hackfleischtopf zu tun hat – und auch wenn meine Version dann doch eher meine Handschrift trägt, so lebt in ihr die Liebe zu Hanna weiter. Und als ich die Bissen nahm, wurde mein Herz zugleich weit und eng. Weit, weil Aromen und Geschmäcker als Sinneserlebnis die Erinnerungen rasend schnell wecken und einen mit liebevollem Gedenken füllen. Eng, weil Hanna fehlt. Und ich hoffe, wo immer sie jetzt ist, gibt es heute knusprigen Apfelkuchen und ganz viel Tee im Kreise der Lieben, die auch schon dort sind, wohin sie gereist ist. Sie, die mir gezeigt und vorgelebt hat, wie unglaublich viel wichtiger Herzenswärme und Liebe sind als Schnickschnack.

Zutaten für den ungarischen Hackfleischtopf
ganz viel Liebe (unverzichtbar)
500 Gramm Rinderhack
2 große Zwiebeln
2 Knoblauchzehen
2 Esslöffel Butter
1 Schluck Milch
1-2 rote Paprika
1 Esslöffel Paprikapulver
2 gehäufte Esslöffel Ajvar
1 Dose gehackte Tomaten (à 450 Gramm)
2 Esslöffel Tomatenmark
1 gehäuften Esslöffel mittelscharfen Senf
1 Becher saure Sahne (200 Gramm)
1 TL Salz
1 TL Pfeffer
Parmesan zum Bestreuen (optional)
frische, gehackte Petersilie zum Bestreuen (optional)
Nudeln nach Wahl, in Salzwasser gar gekocht

So wird der ungarische Hackfleischtopf gekocht
Die Zwiebeln liebevoll kleinschneiden, hinreißend herzlich die Butter in einem Topf, einem Bräter oder einer Pfanne auslassen und die Zwiebeln darin auf niedriger Hitze eine ganze Weile, vielleicht fünf bis zehn Minuten sanft anschwitzen, bis sie weich sind und golden karamellisieren. Den Knoblauch schälen, kleinhacken und hinzugeben, nochmals zwei Minuten lang. Zärtlich rühren. Dann das Rinderhack vorsichtig dazugeben und sanft anbraten. Wenn es von allen Seiten gut gebräunt ist, beherzt einen kräftigen Schluck Milch dazugeben und langsam und mit neugierigem Staunen verdampfen lassen.
Dann das Fleisch nachsichtig salzen und pfeffern. Voller Hingabe die gehackten Dosentomaten, das Tomatenmark, Ajvar sowie den Senf mit in den Topf geben und mit größtmöglicher Herzlichkeit das Ganze mit Paprikapulver würzen. Die Paprika sanftmütig aufschneiden, vom Kerngehäuse trennen, die weißen Sehnen entfernen, ebenso wie die Kerne – und dann kleinschnippeln und hinzugeben. Auf niedriger Hitze und voller Geduld zugedeckt zwei Stunden köcheln lassen, auf dass die Aromen sich ganz langsam entfalten können. Wenn alle Liebe in der Vollmundigkeit in der Sauce schmeckbar wird, sie noch mit der sauren Sahne verfeinern. Auch der sauren Sahne noch ein wenig Zeit geben, sich mit ihren Saucennachbarn vertraut zu machen. Derweil die Nudeln – vielleicht Makkaroni – in ausreichend viel Salzwasser in einem zweiten Topf gar kochen. Vielleicht ein Gespräch über Störche beginnen, oder über die Schönheit des Gartens. Davon verzaubert ein wenig Petersilie kleinhacken, vielleicht auch – so wenig das bei Hanna üblich war – Parmesan reiben. Die Nudeln auf einen Teller geben, voller Großzügigkeit und Herzenswärme einen ordentlichen Schlag Sauce obendrauf geben und das Ganze mit Petersilie und/oder Parmesan bestreuen. Herz und Leib von der Speise erwärmen lassen.

Musik zum Menü
Weil Hanna fehlt und weil der Winter mich gerade noch umfängt und weil ich immer noch traurig werde, wenn ich an ihrem kleinen Hexenhaus vorbeikomme, gibt es hier die „Wasserflut“ aus der „Winterreise“ von Franz Schubert. „Manche Trän‘ aus meinen Augen ist gefallen in den Schnee…“
Und weil in meinem Herz so viel Zartheit und Mitfühlen und Vermissen sich mischen, und weil Hanna Störche so geliebt hat, gibt es hier auch das zauberschöne „Stork“ von Bas Beenackers.
Und weil am Ende aber doch längst nicht nur Vermissen zählt, sondern die freudige Dankbarkeit, welch wunderschöne Zeit und Erlebnisse man miteinander hatte, passen King Hannah hier auch wundervoll: „All being fine“.
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moin Ole,
ja, so eine Oma Hanna ist Gold wert. Ich wünsche jedem Menschen so eine Oma, ich hatte sie auch. Und meine Mutter, die auch von unserem Sohn Oma Hanna genannt wurde, ist im Juni schon 10 Jahre tot. Ich denke täglich an sie, was sie auch lebendig erhält, und an ihre leckere, einfache Hausmannskost. Sehr vieles muss ich auch aus dem Gedächnis heraus nachkochen, weil auch ihre Rezepte nicht notiert wurden. Und Schnipsel aus Heften hatte meine Mutter auch schon mal aufbewahrt. Das war früher so, heute zückt man sein Handy und macht schnell ein Foto.
Dein Hackfleischtopf liest sich sehr lecker, vielleicht hat jemand von deinen Lesern sogar noch den Schnipsel aus dem Heft und schickt ihn dir, man weiß ja nie…
Ich schick dir liebe Grüße in den Norden,
herzlichst Karin
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Was für ein schöner Text voller Liebe zum Andenken an Hanna! Man muss nicht zwangsläufig verwandt sein für diese Art von Liebe. Manche Menschen sucht man sich lieber persönlich aus…
Was den Hackfleischtopf betrifft, so finde ich den Senf darin spannend und ungewöhnlich. Klingt auf jeden Fall nach einer kulinarischen Umarmung!
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Liebevolle Erinnerung mit Wehmut würzt diesen Hannatext. Gestern hörte ich Kraniche. Keine Störche, aber immerhin Kraniche. Es gibt so Rezepte, die nach Ewigkeit schmecken. Oft gehen die dokumentierten Ursprünge über Jahrzehnte Leben hinweg verloren. Doch die Rezepte werden weitergeflüstert, von einem Generationenohr ins nächste. Diese ungarische Vereinigung mit Italien klingt schwer ewigkeitsverdächtig.
Das Lied vom Storch ist wunderschön und die Bildimpressionen sind wieder zum Staunen schön.
Danke, liebe Hanna, möge der Ostfriesen-Tee weichgoldensahnig munden.
Danke, Ole, fürs Erinnern und Festhalten.
Hab es gut und liebe Grüße von Amélie
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So viel Liebe in deinen Worten … ♥
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Das einfache Gericht nachgekocht – und es war einfach: einfache Zutaten, einfach zuzubereiten – einfach gut – und es hat wirklich jedem Familienmitglied geschmeckt – und das ist wahrlich nicht einfach. 🙂
Deine Ziehoma Hanna war ein Schatz.
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das freut mich einfach außerordentlich! Einfach ganz lieb – und schön mitzubekommen!
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