
„Ich bin einmal auf einem Pferd geritten, und als ich abstieg, hatte ich Blut im Stiefel.“
Kann so auch ein Jahr gewesen sein?
Rund um den Jahreswechsel geht der Blick gern zurück: Was haben sich da für Geschichten, Erlebnisse eng verzwirnt und unvorhersehbar entwickelt? Im eigenen Leben, Land, weit darüber hinaus? Und das arme Hirn kann kaum anders als zu versuchen, Muster und Strukturen darin erkennen zu wollen, einzuordnen.
Zumindest aber zu schauen, was war. Auf die Texte, Rezepte, spannende Kochbücher – aber auch auf 200 Songs, die mich in diesem Jahr begeistert haben.

Ole als Suppenheini?
Die mitunter bedrückenden Irrungen und Wirrungen in der Politik lassen wir beiseite. Wenn man sich dann für den Moment nur auf sich selbst besinnt, könnte man glatt auf die Idee kommen, ich sei zu einem still gewordenen Suppenheini verkommen. Nur 15 Geschichten sind in diesem Jahr im Blog hinzugekommen – so wenige wie in keinem Jahr, seit es Nimmersatt gibt. Und von den 15 Geschichten und Rezepten haben sich diesmal gleich vier um Suppen gedreht – gut jeder vierte Text.
Da kann einem der Suppenheini-Gedanke schonmal kommen. Etwa, wenn man die Texte des Jahres nochmal zusammenholt – wie Kollegen auf der Betriebsfeier im Bau: sonst das Jahr über verteilt, jetzt endlich mal beisammen.
Da war Wulnikowski völlig überstresst am Hauptbahnhof von Berlin und hat sich nach der morbiden Stille der Uckermark und der wohltuenden Köstlichkeit toskanischer Bohnensuppe gesehnt.
In den Tiefen Litauens ging’s inmitten der Sommerhitze in einer zartpoetischen Geschichte um die hinreißende Šaltibarščiai, kühlwürzige Rote-Bete-Suppe.
Als ich eins meiner Lieblingskochbücher vorgestellt habe, „Einfach Tanja“ von Tanja Grandits, habe ich die sehr sri-lankisch angehauchte Kartoffel-Kokos-Suppe mit Curryblättern mitgebracht.
Und dann war da – passend zu Silvester – ja noch Mulligatawny Soup: die legendäre Suppe aus „Dinner for One“.




Zu viel Anspruch für zu wenig Zeit
Warum aber so viel Suppe und Stille? Vielleicht, weil immer mal wieder der eigene Anspruch, besondere, gute Geschichten zu erzählen im Weg stand. Und manchmal greift man mit der Hand schon nach dem Snickers, murmelt: „Wenn’s mal wieder länger dauert.“ Dann gähnt die Stille des Blogs laut, während vor dem inneren Auge tumbleweed durch die Seite purzelt.
Ich mag es, Dinge einfach zu halten – auch im Erzählen, nicht nur in der Küche. Doch dann rattert der Hirn-Assoziationsblaster los, und wenig später tanzen da gegensätzlichste Ideen, die alle „Hallo, nimm mich!“ schreien. Unpraktisch, wenn das Entscheidende fehlt an vollgestopften Tetris-Tagen: Zeit.
Gekocht habe ich dennoch fast täglich, nur kaum davon erzählt. Ein „hallo Schnuckis, heute habe ich eine Quinoa-Bowl für Euch, voller Superfoods und ideal, um fit in den Tag zu kommen – und jetzt folgt das Rezept“ wird es hier nie geben. SEO-optimierte Stangenware auch nicht. Weil ich es zwar handwerklich könnte, es aber nicht übers Herz und über die Finger bringe, solche Texte zu schreiben. Die Rückkehr zu mehr gewürzter Kürze aber nehme ich als kleinen Vorsatz mit ins neue Jahr.

Von verschwundener Kraft
Aber waren es nur Verstrickungen in den eigenen Anspruch? Verheddert mit fehlender Zeit, die es braucht um besondere Geschichten zu erzählen? Ein anderer Punkt erklärt die teils monatelange Stille ohne neuen Text noch weit mehr: Erst zum Jahresende ist beim Suppenheini zaghaft die monatelang verschwundene Kraft zurückgekehrt, die sich getrollt und in irgendeinem Versteck eingeigelt hatte – nach zwei vergleichsweise wilden Jahren.
Erst 2023 als Endorphin-Rakete mit dem Preis als bester Foodblog, mit Radio- und TV-Geschichten, dem Abschied vom langjährigen Job und dem Sprung in ein neues Berufsabenteuer. Dann 2024 die mentale Bauchlandung in der Erkenntnis, dass eben dieser neue Job für mich leider Käse war, mit Taumeln in Richtung Düsternis und der Entscheidung, aus dem neuen Job rasch den alten zu machen – und stattdessen noch ein neues Job-Abenteuer zu beginnen und ein noch ganz anderes Kapitel aufzuschlagen.
Zweimal binnen sechs Monaten neu anfangen, Hunderte Leute neu kennenlernen, Besonderheiten im Miteinander erspüren, Prozesse verinnerlichen: kostet Kraft. So gut sich das neuere Abenteuer entwickelt hat
Es hatte insofern auch Gründe, dass 2025 kein Jahresrückblick auf 2024 zu finden war. Und vielleicht wird man dann Suppenheini. Weil gute Suppen Kraft spenden. Und weil sie ein wenig sind wie Katzen. Man muss sie schon füttern mit guten Zutaten, dann mögen sie aber gern sich selbst überlassen werden. Das hilft, wenn Zeit knapp und Kraft rar sind.

Bete-Berge und Gemüsekisten-Herausforderungen
Zur Wahrheit gehört zudem: Auch im vorigen Jahr landete wöchentlich eine vollgestopfte Gemüsekiste von der Solawi in der Küche, und gerade in Suppe kann man viel vom Guten versenken, was da so ankommt. Rote Bete etwa. Da war dieses grandiose Gericht, verbunden mit der Frage, was pinke Pasta mit Dill-Pesto mit Herbstgedichten zu tun hat. Da war besagte Šaltibarščiai, und dann gab es da – hallo Suppenheini – auch noch den hinreißenden Borschtsch und die orientalische Rote-Bete-Suppe. Schließlich landete sie bergeweise aus den Kisten in der Küche. Statt mich Suppenheini zu nennen, hätte ich im vorigen Jahr aber auch meinen Nachnamen in Bete ändern können. Denn fast jeder vierte Text seit November 2024 hat mit der quietschpinken Knolle zu tun. Auch das erklärt die Gemüsekiste.
Und im Blog-Abseits landete die Knolle noch viel öfter auf dem Teller. Aber ich wollte nicht auch noch den Blog in „Ge-Bete“ umbenennen. Auch Zuckerhut-Rezepte hätte ich ellenlang einbauen können, denn auch der tauchte als Schicksalgemüse ungefragt immer wieder in der Kiste auf. Den allerdings mag ich nicht – und was ich nicht mag, serviere ich Euch schon gar nicht
Aber wenn da Gutes, um die Ecke Angebautes kommt, das saisonal tagesfrisch geerntet wurde, dann macht man eben was damit. Und sei es Wirsing. Zu dem hat der viel zu früh verstorbene Perscheid mal einen Comic gezeichnet, von dem ich mich sehr verstanden gefühlt habe: „Wer spricht denn da?“, fragt der mürrische Alte im Sessel sitzend, als er den Telefonhörer abnimmt. „Dein schlimmster Alptraum“, krächzt es aus der Leitung – und der Alte fragt: „Rahmwirsing?“ Eben den gab es nicht, hier. Aber ich habe mich in Selbstüberwindung geübt und tatsächlich ein Rezept gefunden, mit dem mir derstieselige Schwippschwager von Rosenkohl, dieses verbitterte Gekröse, vorzüglich schmeckt: mit Limette, Ingwer und Cashewkernen
Was die Gemüsekiste nicht erklärt: Auf den ersten Blick beißt sich die Kraftrückkehr zum Jahresende damit, dass die längste Textpause des Jahres – mehr als zwei Monate lang – von Oktober bis Dezember dauerte. Dann war’s aber ein wenig wie mit den alten Ketchupflaschen, als man noch auf den Glasboden hauen musste statt den Kunststoffkorpus einzuquetschen: Ganz lange kommt nichts, dann klatscht der Schwall heraus.






Konzentrierte Kochbuchliebe
Der vielleicht üppigste Schwall: Besondere Kochbücher des Jahres– die ich erstmals geballt zum Jahresende für Euch gesammelt habe, im Versuch dem Wesen jedes Einzelnen auch in der Sprache gerecht zu werden. Neben den da vorgestellten Titeln und dem Buch von Tanja Grandits habt Ihr auchDrip happens: Schokoladen-Brownies à la Jackson Pollock und damit ein weiteres meiner Lieblingskochbücher vorgesetzt bekommen: „Kunst kochen“ von Felicity Souter, die genialisch Gemälde in köstlichen Gerichten nachbaut.
Und noch ein weiteres, tief berührendes, toll erzähltes Werk: „Rambutan“ von Cynthia Shanmugalingam, das so unglaublich gewitzt, aber schonungslos vom Leben im tamilisch geprägten Norden Sri Lankas, insbesondere während des Bürgerkriegs erzählt. Köstliches Kothu Roti, das bei ihr wie ein explodierter Cheeseburger daherkommt, habe ich Euch dazu serviert: mein liebstes Streetfood aus dem Land, das zu erleben mich persönlich vielleicht am stärksten überhaupt beeindruckt hat.
Und so war 2025 auf „Nimmersatt“ nicht nur ein Suppenjahr, nicht nur eine Bete-Ballung, sondern auch in Teilen ein Kochbuch-Kosmos.




Was bleibt? Geschichten!
Und auch wenn es diesmal spürbar weniger Texte als in den Vorjahren gab, war 2025 auf „Nimmersatt“ vor allem ein Geschichten-Jahr. Ohne Geschichte und ohne augenzwinkerndes Spiel mit der klassischen Foodblog-Form kein Rezept. Da lässt die Maus den Faden ganz. Sei es bei Kommissar Knickarm, der mit zartem Gruß an Wolf Haas sich selbst tief in seinen neuesten Fall verstrickt hat. Corpus delicti hier: Mutabbal: Köstlichster orientalischer Blumenkohl-Auberginen-Dip mit krossen selbstgemachten Pommes. Sei es beim bizarr-genialen Orangensalat mit krosser Chorizo und Spiegelei und einer Geschichte, die in die verstaubte Pampa Spaniens entführt. Die vielleicht schrägsten Glaubensfragen nördlich von Meppen drehten sich um Fleischklopse: in der Geschichte vom Glauben an die leckerste Pasta – mit Zitronen-Carbonara und Wurstbällchen. Und wenn man schon seltsame, nur scheinbar nicht zusammenpassende Dinge paart und dabei Tolles herauskommt: Cookies mit Feta, weißer Schokolade und Cranberrys sind so ein Fall. Ohne Kommissar, ohne Kompromisse, aber mit ganz viel Genuss.
Dem kann man sich im Übrigen auch hingeben, wenn man meine liebsten Sendung-mit-der-Maus-Spekulatius verschlingt – vielleicht, während man die Geschichte darüber liest, wie ich Ralph von der Sendung mit der Maus begegnet bin. Wem ich ebenfalls nochmal begegnet bin: Christian, der bis vor Kurzem als „Grillmaster Flash“ rockend durchs Land tingelte, aber schon die Hälfte seiner Konzerte absagen musste, weil der Vorverkauf unterirdisch lief. Den netten Kerl hab ich bei der Blogpreis-Verleihung 2023 kennenlernen dürfen, gute zwei Jahre später hat auch er sich zu einem radikalen Schnitt entschieden: Rocker-Kutte an den Nagel hängen, Grundschullehrer werden. Ihm gewidmet ist: Bei Bud Spencers Bart: Was für ein grandioses Käse-Steak-Sandwich mit Balsamicozwiebeln und selbstgemachter Honig-Senf-Sauce. Weil ich ein Herz für schräge Vögel, gischtschäumend-gewitzten Rock und gute Musik habe.






Die Musik zum Jahr
Wisst Ihr natürlich. Aber während es hier sonst die „Musik zum Menü“ gibt, kriegt Ihr – ebenfalls erstmals – hier zusätzlich die „Musik zum Jahr“: mit 200 Songs, die mich berührt, begeistert, mir Kraft gegeben, mich tanzen oder schwelgen lassen haben.
Ich bin gespannt, wie das neue Jahr klingen wird – und wie es schmeckt und was es bringt. Und wenn es klappt, wie vorgenommen: mit neuer Kraft, neuen Geschichten, vielleicht sogar mehr gewürzter Kürze – auch wenn genau dieser Text die Idee schon ad absurdum führt.
So oder so: Danke an alle, die auch in diesem spürbar stilleren Jahr dabeigeblieben sind, an alle, die sich durch Textberge beißen (und hoffentlich Freude dran haben), die Lust am Lesen und/oder Nachkochen haben.
Ich freu’ mich aufs neue Jahr – und über alle, die Lust haben, die mitunter überraschenden Pfade, plötzlichen Umwege und manchmal langen Strecken mitzugehen (die Aussichten und Ansichten belohnen hoffentlich). Schön, dass es Euch gibt.
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Ich lese deine Texte sehr gerne.
Suppen geben tatsächlich Kraft, dass du so viele Rezepte veröffentlicht hast in diesem wirren Jahr, kann ich gut verstehen.
Auf 2026!
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