
Als ich noch klein war und zwischenzeitlich im winzigen A&O-Laden von „Tante Else“ so viele quietschpinke Knight-Rider-Kaugummis gekau(f)t habe, dass ich kurzzeitig eine Farbstoff-Allergie bekam, habe ich vom nicht in Kaugummi investierten Taschengeld gern Yps-Hefte gekauft. Wie mutmaßlich Millionen anderer Menschen ist mir kein einziges Mal gelungen, die Urzeitkrebse zum Leben zu erwecken.
Statt in Yps hat in Ybbs an der Donau der Heiland anscheinend ein wenig Geld in Bier gesteckt. Hans Heiland, um genau zu sein. Zumindest hat er in nur fünf Jahren satte zehn Millionen Bierkapseln – wie man dort unten anscheinend Kronkorken nennt gesammelt. 18 Tonnen haben sie am Ende gewogen und drei Treckeranhänger gefüllt, als er sie für 1500 Euro an einen Altmetallhändler verscheuerte, für ein Feuerwehrfest.
Derweil steckte Freddy Thürg aus St. Erhard im Kanton Luzern sein Geld statt in Yps-Hefte eher in Gletscherflüge. War aber auch sonst über den Wolken unterwegs und klaubte Tausende Kotztüten aus Flugzeugen zusammen.
Und 20 Kilometer südlich von meiner Heimatstadt teilt sich Gerd Reck sein Haus mit inzwischen rund einer halben Million Kugelschreiber.
Die Sammelleidenschaften der Menschen sind gern sonderbar. Andere tragen Großstadtdiamanten zusammen, füllen ihre Buchregale mit seltenen Sherlock-Holmes-Ausgaben, horten 7“-Split-EPs in grün-gelb gesprenkeltem Picture-Vinyl von möglichst unbekannten Punkbands – oder sammeln Länder. Zumindest Stempel im Reisepass.
Volker Graubaum ist so einer, selbst wenn er für seine Reisen nichtmal Koffer packt. Höchstens Einkaufstüten. Denn er hat ein Projekt erfunden, das so schlicht ist, dass man sich wundert, warum es nicht schon viel früher jemand anderes auf die Idee gekommen ist. Volker ist Urheber der „kulinarischen Weltreise“ und hat mit einer Kochblogger-Kohorte im Schlepptau seit vielen Jahren auch entlegenste Länder unserer Erde bereist.
Und wegen Volker stehe ich jetzt vor einem Dilemma. Wie porträtiere ich jemanden, den ich noch nie getroffen, dessen Stimme ich noch nie gehört, mit dem ich noch nie ein Bier getrunken habe, überhaupt? Und dann noch zweimal – ohne mich zu wiederholen?
Denn ich darf Euch den Mann zum zweiten Mal vorstellen, der Stochastik ad absurdum führt: Der Wirtschaftsinformatiker hat noch eine zweite langlebige Blogger-Aktion ins Leben gerufen: „Koch mein Rezept“. Drei Mal habe ich in den vergangenen Jahren mitgemacht. Das erste Porträt über Volker und meine Variante seiner dänischen Apfel-Curry-Klopse „Boller i karry“ war eins davon. Nun bin ich ihm zum zweiten Mal zugelost worden – von ihm selbst. Jeder zweite meiner Texte zu dieser Aktion handelt folglich von ihm. Und in einer dritten der vier Runden hat er eins meiner Gerichte und meinen Blog vorgestellt: Hier ist seine Variante meines Aloo Gobi, hier könnt Ihr bei mir noch einmal das Rezept finden, in dem Kommissar Knickarm in dem Fall ermittelt.
Wer also ist Volker? Und wie viele? Fernab der Baker Street und irgendwelcher Gesamtausgaben versuche auch ich nun ein wenig wie Sherlock zu deduzieren.
Ich nehme an, Volker ist mindestens zwei in einem.
In der Freizeit ein – zuletzt deutlich stiller gewordener – Foodblogger, der mehr als 300 Rezepte aus mehr als 50 Ländern dieser Welt gehortet hat, Besonders gern Fleischklopse. Er ist einer, der nach eigenem Bekunden nichts öfter in Restaurants isst als Hamburger Pannfisch, gern mit Senfsauce sowie Kartoffeln, und zugleich von sich sagt: „Stärke bleibt ein wenig mein Angstgegner.“
Aber interessant: Während ich „der ist so interessant wie Mehl“ gern sage, wenn ich jemanden besonders langweilig finde, findet Volker Mehl überaus interessant. Wie wir – so wirklich gern ich Volker mag – auch im Schreiben über Essen überaus gegensätzlich sind.
Denn unter dem klopsvernarrten Kulinarik-Kosmopoliten schimmert der Dinge sehr systematisch anpackende Wirtschaftsinformatiker durch, der er beruflich ist. Worldwide Web in Ergänzung zu kulinarischen Weltreisen. Langjähriger Akteur der europäischen Open-Source-Webszene, ein Nerd, der in die labyrinthischen Tiefen von Content-Management-Systemen eingetaucht ist, insbesondere von TYPO3, dem System, mit dem ich auf meinen allerersten journalistischen Schritten Zeitungsartikel fürs Netz umgehoben habe. Ein Mann, der das mit Herzblut und sehr erfolgreich entwickelt hat. Ein Mensch, der sowohl in Open-Source-Software als auch beim Kochen Communities baut. Sammeln, vernetzen, zusammenbringen, zugänglich machen. Aber auch jemand, der seine Texte deutlich klarer und schmuckfreier für Suchmaschinen optimiert präsentiert.
Ob Tech oder Kulinarik: Volker ist einer, der erfolgreich Menschen zusammenbringt. Der zudem auch e-Commerce- und Online-Marketing-Fuchs ist, was erklären mag, wie klar er seine Texte für Suchmaschinen optimiert und Themen perfekt gebündelt sortiert. Im Gegensatz zu mir, wo Geschichten und Abschweife manche Suchmaschine auf Irrwege geschickt haben mögen, und wo es bei halb so vielen Texten wie bei Volker dennoch keinen gibt, der mit einem Satz beginnt wie „Heute gibt es ein Zitronenhähnchen mit leckeren Zwiebeln.“
Nun hat er sich nach mehreren Chefposten, unter anderem als „Chief Product Officer“ bei TYPO3, inzwischen selbstständig gemacht, und vielleicht erklärt auch das, neben einer Menge Leben, das die meisten von uns umfängt, warum es spürbar stiller geworden ist auf seiner Seite. Ganz eventuell sammelt er nun auch Sherlock-Ausgaben und braucht die Zeit, um sie zu lesen. Rückzug ins Private des rastlosen Netzwerkers? Sehr wahrscheinlich ist Volker noch viel mehr als zwei.

In seinen mehr als 300 Rezepten hat Volker in seinem Blog „Volkermampft“ die weltumspannenden Fäden der Küchen rund um den Globus zusammengeführt, kredenzt eine als immaterielles Kulturerbe von der Unesco geschützte Kürbissuppe „Soup Joumou“ neben „Khase da Bosine“, assyrischem Gurken-Joghurt-Salat, serviert klassischen „Coq au vin“ ebenso wie „Dollma me laker te bardhe“ – albanische Kohlrouladen. Fleischklopsrezepte hat der Gute en masse gesammelt (ob er sich auch die neuen Köttbullar-Fleischklops-Lollis von Ikea einverleiben wird?) – und zelebriert auch eine Version der grandiosen griechischen Röstkartoffeln mit Zitronen, die ich sehr liebe. „Mit ganz wenigen Zutaten könnt Ihr auch zu Hause Urlaub machen“, findet Volker. Finde ich auch und habe sie früher mit Wonne in der einstigen Hippie-Hochburg Mátala im staubig-steinigen Süden Kretas, während der Klang endlos brechender Wellen die Abendluft flutete.

Zutaten für die zitronigen griechischen Ofenkartoffeln – „Ellinikos lemoni patatas“?

In Erinnerungen an Abende in Mátala liebe ich diese Kartoffeln seit Langem in einer Variante aus Georgina Haydens famosem Buch „Greekish“. Deren Yiayia, also Oma, hat das Gericht ebenfalls zubereitet, würzt aber den Viertelliter zitroniger Simmerbrühe mit einem Brühwürfel, setzt auf Oregano statt Thymian und lässt zudem Feta mit im Ofen schmurgeln. So wird aus einer köstlichen Beilage ein ebenso einfaches wie brillantes Abend- oder Mittagessen.
1kg Kartoffeln
1 große Zitrone, Schale/Zesten abgerieben, Saft ausgepresst
6 große Knoblauchzehen
Einige Stängel Thymian, Blätter abgezupft
1 TL Gemüsebrühe
250 ml Wasser
Salz, Pfeffer
6 EL Olivenöl
optional:
2 TL frischen oder gerebelten Oregano
100 g Feta/Hirtenkäse

So bereitet man die zitronigen griechischen Ofenkartoffeln – „Ellinikos lemoni patatas“ zu
Die Kartoffeln gut waschen. Im Sinne der Knusprigkeit, indem man ihnen Stärke entzieht, hat es Sinn, sie auch eine ganze Weile in Wasser herumdümpeln zu lassen, als badeten sie in der ruhigen See vor Mátala, dort, wo die Wellen noch nicht branden.
Volker empfiehlt, die Kartoffeln auch vorzukochen. Ich habe mir den Schritt gespart, die Kartoffeln nebst der Marinade aber auch in Brühe ziehen lassen, wie Georgina Hayden es in ihrer Variante tut. Im Zweifel rösten sie noch etwas länger gar und knusprig im Ofen. Aber das ist wie bei Bratkartoffeln, wo sich auch Lager bilden zwischen denen, die die Kartoffelscheiben roh in die Pfanne werfen und denen, die sie zuvor gekocht haben.
Im Unterschied zu Volker habe ich auch Georgina Haydens Knoblauch-Menge übernommen (sechs statt zwei Zehen auf ein Kilo Kartoffeln), weil gerade gebackener Knoblauch die Umami-Erlebnisse deutlich verstärkt und gebacken kaum noch etwas von seiner scharf-übergriffigen Aromatik im Rohzustand hat.
Den Ofen schonmal auf 200° C vorheizen.
Während die Kartoffeln ein gemütliches Bad nehmen, ist Zeit, die Brüh-Marinade in Angriff zu nehmen: Die Zitrone(n) mit einem Zestenreißer oder einer Reibe ihrer Schale entledigen, danach auspressen. 250 ml Wasser kochen, die Brühe darin auflösen, den Knoblauch hinzupressen, den Zitronensaft ebenso, Thymian- und/oder Oregano-Blättchen dazugeben und das Ganze mit Salz und Pfeffer abschmecken.









Die Kartoffeln in Scheiben schneiden oder hälfteln oder in andere etwas kleinere, Eurem Auge pläsierende Stücke schneiden und in einer ofenfesten Form anordnen. Das Ganze dann mit der zitronigen Knoblauch-Gewürz-Brühe übergießen. „Ein paar Mal wenden, um die Aromen gleichmäßig darüber zu verteilen. Einmals schütteln, sodass die Kartoffeln wieder in einer Lage liegen“, empfiehlt Mrs. Hayden.
Wer mag und zu viel Zeit hat, kann die Kartoffeln jetzt noch eine Stunde lang (oder bis zu einem Tag) ziehen lassen, auf dass sie die Aromen vorzeitig aufsaugen (Volker empfiehlt das).

Man kann sie aber auch direkt in den heißen Schlund des Ofens schubsen. Dort garen sie etwa eine Stunde. Wenigstens aber, bis sie goldbraun und außen knusprig sind.






So oder so: Wer es nicht vegan möchte und zusätzliche salzige Weißkäsenoten schätzt, kann etwa 15 Minuten vor Garzeit-Ende noch Feta oder Hirtenkäse drüberkrümeln und mitbacken. Dann wird daraus eine umso sättigendere, leckere Mahlzeit. Was Ihr dazu genießt, sei Euch überlassen. Volker empfiehlt: „Mit anderen Vorspeisen genießen.“
Musik zum Menü
Bleibt die Musik. Denn so lange die dicke Frau noch singt, ist die Oper nicht zu Ende. Und da wird man nachforschend zumindest beim Streaming-Portal Spotify ein wenig fündig, wenn man nach Volker Graubaum sucht. Findet man da doch eine fünf Songs umfassende Liste namens „Nr. 1 Hits – all time charts (ausgewählt)“.
Und in der findet man etwa „Blinding Lights“ von The Weeknd und Bobby Darins englischsprachig-angejazzte Variante des Dreigroschenoper-Klassikers „Mackie Messer“ von Bertold Brecht und Kurt Weill. Beide seien hiermit also gern zu den Knusperkartoffeln serviert.
Um den akustischen Stärkegehalt zu steigern, ergänze ich gern „Potato“ von „The Duke of Iron“ und seinem geigenumquietschten Schringelgitarren-Calypso aus dem Jahr 1950.
Und etwas zitroniger darf es auch werden. Und knuspriger und wilder. Etwa mit der nächsten Coverversion: „Mrs. Robinson“, nicht von Simon & Garfield, äh, Garfunkel, sondern von den Lemonheads.
Und es zitronig haltend, darf es hier auch um derdiedas Eine gehen: „The One“ von The Lemon Twigs.
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