
„Oben auf dem Dachboden, dort, wo an sonnigen Tagen Staubflocken in der Luft glitzern, hat mein Reiserucksack Spinnweben angesetzt. Er liegt hoch und trocken in einer Ecke. Ab und zu glaube ich, ihn niesen zu hören, aber er murrt nicht, trägt sein Dasein mit Fassung. Er war schon in Vietnam und auf Sri Lanka, hat auf den Kanaren Höhenluft geschnuppert und in den sumpfigen Niederungen der Masuren Mückenschwärme tapfer ertragen. Aktuell bewacht er die Dachbodenecke unter der Schräge, zwischen dem geparkten Schreibtisch, alten Lattenrosten und Ersatz-Regalbrettern. Vielleicht hat er sich nachts mit dem Marder unterhalten, der eine Zeitlang über den Dachboden getobt ist und Teile der Sperrholzverkleidung zernagt hat. Vielleicht hat er mit Weberknechten Freundschaft geschlossen. Irgendwas muss man ja tun, während man da so rumliegt.
Und irgendwas muss auch ich ja tun, während man hier so rumhängt.“
Was? Vielleicht, während draußen die Kirschbäume blühen und der Bärlauch allmählich zum Abschied winkt, anfangen, über Essen zu schreiben. Geschichten zu erzählen und, ohne es zu planen, „die Idee des Schreibens zu revolutionieren“, wie die Organisatoren der „Goldenen Blogger“ vor drei Jahren geschrieben haben. Da war dieser Blog noch deutlich jünger und hatte gerade den Preis als „bester Foodblog Deutschlands“ 2023 eingeheimst – genau einen Tag nach seinem zweiten Geburtstag. Und einen Tag vor meinem „zweiten Geburtstag“.
Inzwischen sind tatsächlich fünf Jahre ins Land gestrichen und ungezählte Kubikmeter Wasser die Ems runtergeflossen, seit ich die Zeilen oben geschrieben und mit „Nimmersatt“ begonnen habe – mit einer anderen Eröffnung als Lord Byron, der einst schrieb „My way is to begin with the beginning.“ Inzwischen neun Jahre wird es am 25. April zudem her sein, dass ich nur durch die besten Schutzengel der Welt dem Tod von der Schippe gesprungen und wie durch ein Wunder nahezu unverletzt aus dem zermalmten meines alten VW Polo geklettert bin – nachdem es bei Tempo 100 mit einem entgegenkommenden Golf zusammengekracht war. Und so sind es Jahr für Jahr drei ganz unterschiedlich bewegende Tage voller Erinnerungen, die für mich direkt hintereinander folgen, während draußen die Kirschbäume blühen und der Bärlauch allmählich seine Knospen aufwärtswuchtet und zum Abschied winkt.
Und jetzt sind es tatsächlich schon fünf Jahre „Nimmersatt“. Und weiterhin tue ich gern irgendwas, während man hier so rumhängt. Vielleicht eine Torte backen. Selbst wenn höchstens ein Paketbote an der Tür klingeln wird. Um einen Sack Erbsenflocken für die Kaninchen zu bringen, die draußen im Garten umherhopsen.

Eigentlich wollte ich zum fünften Geburtstag ein Gewinnspiel organisieren. Um Danke zu sagen und Euch etwas zurückzugeben für Dabeibleiben, fürs Ermutigen, fürs Dasein, fürs Mitfreuen am Unfug, den ich aushecke. Dann kam indes das Leben dazwischen – und eines, das jetzt keins mehr ist. Der viel zu plötzliche Tod meiner lieben Cousine. Und während draußen der Bärlauch wie zum Abschied winkt und die Kirschbäume blühen, reihen sich die Tage voller Erinnerungen nun noch etwas dichter. Und vielleicht zünde ich eine Kerze für sie an, nicht auf einer Torte, einfach so, im Erinnern. Und ihr sei dieser Text gewidmet, auch wenn ich daraus kein Requiem machen möchte.
Zumindest leise feiern möchte ich mit Euch. Ein wenig. Zum Fünften. Vielleicht ohne Tortenschlacht, bei der man danach die angedickten Schlagsahnereste aus den Gardinen kratzen muss. Auch ohne Materialschlacht, wie es sie in so manchem Rückblick gibt, mit Linklisten von hier bis hinter Meppen, mit Texten, die sich in Telefonbücher verwandeln oder in einen Taxistand voller Vehikel, die die Leute schnellstmöglich woandershin bringen möchten. Und es wären etwa 170 in diesem Fall. Die seid Ihr natürlich eingeladen, alle nochmal zu lesen, falls Ihr zu viel Zeit habt. Aber die findet Ihr selbst, die sind alle da; keiner von ihnen spielt Verstecken.
Ich selbst habe ein paar von ihnen zuletzt wieder besucht, einfach, um mal wieder vorbeizuschauen. Viele von ihnen sind so frisch, keck und sonderbar wie am ersten Tag geblieben, Wulnikowski und Ada sind fast zu Figuren-Freunden geworden. Andere haben plötzlich Erinnerungen geweckt an die Jahre, als die Welt plötzlich eine andere war: als die Corona-Pandemie unser Miteinander brachial verändert, direkte Treffen, Umarmungen zu lange verunmöglicht hat – und Lächeln nur in den Augen aufblitzte, während das breitere, die Lippen umspielende, sich immer wieder hinter FFP2-Masken verstecken musste.
Manchmal ist es schön, wenn Dinge vorbei und Zeiten verstrichen sind. Und während ich mir selbst heute keine Torte auftische und die Gardinen schlagsahnefrei bleiben, möchte ich doch Euch zumindest eine servieren: Eine, die schon lange hinter den Kulissen auf ihren Auftritt gewartet hat.
Eine Sendung-mit-der-Maus-Torte.
Eine Torte, die zum Fünfjährigen von „Nimmersatt“ passt wie die Pfote aufs Auge. Habe ich die „Sendung mit der Maus“ doch schon als Kind verschlungen, im Winter noch Sendung-mit-der-Maus-Spekulatius gebacken, wimmelt es in „Nimmersatt“ vor Lach- und Sachgeschichten – und schon seit Jahren backt meine liebe Mutter genau diese Torte voller Hingabe jedes Jahr zum Geburtstag meiner kleinen Tochter, dem vielleicht größten lebenden Maus-Fan.

Manchmal guckt die Maus aus eher kleinen und schiefen Äuglein, auch ist sie vielleicht etwas mopsiger, breiter und ungelenker in der Erscheinung als in den Zeichentrickfilmchen.
Dafür ist sie mit dem größten und liebevollsten Herz nördlich des Südpols gebacken worden – und schmeckt fantastisch: Den Bauch hat sich die Maus mit einer herrlichen Crème aus Mascarpone, geschlagener Sahne und einem Hauch von Vanille vollgeschlagen, im teigig-knackigen, angenehm saftigen Körper, der die Crème umschließt, umarmen sich die Aromen frisch gepressten Orangensafts, zart auf die Masse gestreichelter Aprikosenmarmelade und wie ein Berg auf den Esslöffel gehäuften Kakaos. Was sich mehr oder minder auf Maus reimt.
Und zur Feier des Fünften werde nun ich statt Armin oder Christoph Euch erklären, wie man eine Sendung-mit-der-Maus-Torte backt – nach dem von meiner Mutter erfundenen Rezept.

Zutaten für die Sendung-mit-der-Maus-Torte
Dafür braucht es drei Schritte – mit je eigenen Zutaten:
– Boden backen, Maus auf Backpapier zeichnen und Teig entsprechend ausschneiden
– Füllung zubereiten
– Teig mit Glasur einstreichen
Und – das vorweggesagt: Es braucht Zeit. Nicht nur zum Rühren, Zubereiten, Backen. Auch zum Abkühlen. Und es braucht vorher besorgte Zuckeraugen, falls man nicht selbst welche aus weißem Zuckerguss basteln möchte.
Für den Boden:
150 g Butter
130 g Zucker
4 Eier
300 g Mehl
1/2 Päckchen Backpulver
1 Päckchen Vanillezucker oder das aus einer halben Vanilleschote gekratzte Mark
Saft einer frisch gepressten (am besten unbehandelten) Orange
1 Esslöffel Quark
1 kleine Prise Salz
1 gehäuften Esslöffel Kakao
plus etwa 120-150g Aprikosenmarmelade zum Bestreichen
Für die Crème
250 g Mascarpone
200 g Schlagsahne
2 Esslöffel Quark
1 Päckchen Vanillezucker oder das Mark der zweiten Vanilleschotenhälfte auskratzen und 1-2 Teelöffel Zucker dazugeben
(zusätzlicher Zucker nach Geschmack, aber vorsichtshalber nur zart zuckern, weil Zuckerguss und Marmelade als Süße ja zusätzlich hinzukommen)
Für den Zuckerguss
200g Puderzucker
Lebensmittelfarben Gelb und Rot
1 Esslöffel Kakao
3-4 Teelöffel frisch gepresster Orangensaft
2-3 Teelöffel Vollmilch
Zusätzlich benötigt:
Zucker-Augen (gibt es in vielen Supermärkten)
Eine feine Spritztülle (im Notfall tut es auch ein Gefrierbeutel, bei dem man eine winzige Ecke abschnippelt, aber der kann einreißen, und dann ist die Sauerei groß)
Backpapier, Stift, eventuell Stricknadel

So bereitet man die Sendung-mit-der-Maus-Torte zu
Zuerst brauchen wir einen Mixer. Oder eine Küchenmaschine. Jedenfalls ein Gerät, das mit rasant wirbelnden Rührbesen Dinge zu einem Teig vermengen kann.
Als nächstes pressen wir eine frische Orange aus. Nehmen vom Saft etwa zwei Esslöffel ab und stellen sie in einem kleinen Glas beiseite. Brauchen wir später.
Dann messen oder wiegen wir die 300g Mehl ab, am besten in einem hohen Messbecher. Rieseln das halbe Päckchen Backpulver ins Mehl, geben einen großen, wie ein Berg gehäuften Esslöffel Kakao obendrauf und vermengen alles. Und stellen es noch kurz beiseite. Es darf zugucken bei dem, was jetzt passiert.

Den Teig zubereiten
Sobald wir Mixer oder Küchenmaschine vorbereitet und auch eine passende Schüssel gefunden haben, geben wir die Butter und den Zucker, den Vanillezucker (oder die frisch aus der halben Schote gekratzte Vanille) und eine kleine Prise Salz hinein. Und dann dürfen die Rührbesen wirbeln. So lange, bis der Zucker fast aufgelöst ist. Dann schlagen wir vier Eier auf und lassen sie in die Schüssel plumpsen – und zwar so, dass keine Schalenstückchen zusätzlich reinstürzen und für überraschenden Biss im Gebäck sorgen könnten. Auch einen Esslöffel Quark und den restlichen frisch gepressten Orangensaft mogeln wir hinein. Weitermixen, bis die Masse cremig ist.
Hier kann man auch ruhig den Ofen schonmal auf 170° C vorheizen (Ober-/Unterhitze).
Sobald das so ist, darf auch die Mehl-Backpulver-Kakao-Mischung mitspielen: Wir schütteln die Mischung durch ein feines Sieb nach und nach in die Schüssel, während der Mixer mixt oder das Handrührgerät rührt und die Hand mit dem Handrührgerät Kreise über dem Teig zieht wie ein ungeduldiger Adler.
Schön glatt rühren. „Der Teig muss gut streichfähig sein, gegebenenfalls einen winzigen Schluck Milch dazu“, schreibt meine Mutter. Und da reden wir eher von einem Teelöffel, mit dem wir beginnen. Wer hier auf Handschüttung mit Pi-mal-Daumen-Ausgießen setzt, hat schnell dünnflüssige Suppe.
Nun ein Backblech mit Backpapier ausgleiden, den Teig darauf ausgießen und gleichmäßig glattstreichen. Und das Ganze dann in den heißen Schlund des Ofens schieben und darin etwa eine halbe Stunde lang backen.
Währenddessen kann man auf einem zusätzlichen Stück Backpapier schonmal die Maus-Umrisse einzeichnen.
Rausnehmen.
Wichtig: jetzt komplett auf Zimmertemperatur abkühlen lassen. Das kann durchaus eine ganze Weile dauern.
Wer die Umrisse der Maus nicht schon auf Backpapier gezeichnet hat, kann das jetzt tun.
Wenn der Boden ausgekühlt ist, nehmen wir eine Stricknadel oder einen anderen spitzen, dünnen Gegenstand, legen das Backpapier auf den Kuchen und pauschen mit dem spitzen Ding die Umrisse der Maus durch. Dann nehmen wir ein scharfes Messer und schneiden den Kuchen entlang der gerade durchgedrückten Konturen aus. Auch die Position der Augen.
Achtung: Für die Arme solltet Ihr ein extra Stückchen Teig ausschneiden, das am Ende auf den Zuckerguss geklebt und braun gepinselt wird. Dran denken!
Der darüber hinaus restliche Kuchenteig ist trotzdem lecker und kann als formloses Bonuslevel natürlich auch genüsslich verspeist werden.
Dem ausgeschnittenen Maus-Kuchentorso rücken wir jetzt noch einmal mit einem möglichst scharfen und langen Messer zuleibe, indem wir den Boden horizontal halbieren. Sprich waagerecht in der Mitte durchschneiden – in Ober- und Unterhälfte. Aufpassen, dass er nicht auseinanderbricht, insbesondere auch, wenn man die obere Hälfte jetzt abnimmt. Wer einen Tortenheber hat, ist hier klar im Vorteil. Wer keinen hat, kann überlegen, ob man sowas nicht noch öfter brauchen könnte.
Nun dürfen die Kuchenhälften kurz rumliegen.

Die Créme zubereiten
Derweil schlagen wir den Becher Sahne steif, zuckern das Ganze vorsichtig, geben auch den Vanillezucker und/oder das Mark der zweiten Vanilleschotenhälfte dazu. Wer mag, kann auch eine kleine Prise Salz (eher Messerspitze) zugeben, das konturiert die nur milde Süße und lässt sie klarer hervortreten. Wer tatsächlich Bio-Orangen, unbehandelt, ergattert hat, kann auch mit Reibe oder Zestenreißer die Schale der Orange hinzureiben.
Und dann verrühren wir in einer Schüssel den Mascarpone mit zwei Esslöffeln Quark und heben dann vorsichtig die geschlagene Sahne unter. Wer die Crème lieber noch etwas fester mag, auch wenn sie so durchaus eine fein-feste Konsistenz hat, kann sie nach Packungsanleitung mit ein wenig Agar-Agar andicken.
Bevor die knackfrische Crème in den Mausbauch einziehen darf, bestreichen wir die Oberseite des unteren Bodens mit Aprikosenmarmelade. Falls die eher stückig ist, kann man sie für mehr Gleichmäßigkeit auch vorher glattpürieren mit einem Pürierstab. Wie dick Ihr sie auf die Tortenböden streicht? Da wisst Ihr selbst besser, wie Ihr es gern mögt.
Im nächsten Schritt streichen wir dann die Crème auf die mit Marmelade beschmierte untere Maus-Hälfte. Möglichst gleichmäßig.
Und dann heben wir ganz vorsichtig den oberen Mauskörper wieder drauf.
Das hätten wir geschafft.
Und nun gilt es die Maus zur echten Maus zu machen, denn die ist ja orange, mit braunen Armen, Beinen, Ohren – und mit Schnurrhaaren.
Dafür brauchen wir jetzt Zuckerguss.
Und nicht nur eine, sondern gleich zwei Varianten.
Für den orangen Zuckerguss nehmen wir etwa zwei Drittel von 200 g Puderzucker, also etwa 133 g, und löffeln mit einem Teelöffel den Rest vom frisch gepressten Orangensaft rein. Mit einem Teelöffel beginnend. Das Ganze soll am Ende streichfähig sein, aber nicht zu flüssig, sodass es wieder von der Maus runtersuppt, als weinte ihr Bauch dicke Tränen. 3 bis 4 Teelöffel am Ende dürften in der Regel eine ganz gute Mischung ergeben.
Und nun braucht es noch die richtige (Lebensmittel-)Farbe: mit drei Tropfen Gelb und einem kleinen tropfen Rot beginnen. Und von da an vorwärtstasten.
Wenn das geschafft ist, bestreichen wir die Mausoberhälfte mit Ausnahme der Arme, Beine und Ohren großzügig mit der orangenen Puderzuckerglasur.
Während die antrocknet, geben wir einen Esslöffel Kakao zum restlichen Puderzucker und vermischen beides gründlich – und zwar, bevor es nass wird, weil sonst gibt es Klümpchen. Danach genau wie bei der vorherigen Zuckermasse: mit einem Teelöffel Flüssigkeit beginnen, nur diesmal ist es Milch. Die Masse soll am Ende zähflüssig sein, so dass sie sich gut streichen lässt, aber nicht ZU flüssig, weil sie soll nicht verlaufen. Die braune Masse streicht Ihr dann auf Ohren, Arme und Beine der Maus, lasst aber etwas übrig, das Ihr bestenfalls in einen Spritzbeutel mit feiner Tülle packt.
Jetzt werden erstmal die beiden Zuckeraugen noch an Ort und Stelle gedrückt. Nochmals kurz warten, bis auch die braune Glasur angetrocknet ist. Und dann mit dem Rest der braunen Glasur aus dem Spritzbeutel die Konturen der Maus – Augenumrandungen, Nase, Schnurrhaare, Außenriss – dünn aufzeichnen.
Und dann, falls was übrig ist, kann man den übrigen Teighaufen noch dekorieren. Oder das Ganze kühlstellen oder sofort den Feiergästen servieren, die sich genussvoll drüber hermachen können.

Musik zum Geburtstag
Seit Jahren mag ich es, Unerwartetes zu verbinden, hoffentlich positiv zu überraschen und passend zu machen, was auf den ersten Blick gar nicht passend scheint. Das macht auch Jonas Quinn auf ganz besondere Weise. Wenn er etwa eine der ganz großen Schmalzballaden von Elvis Presley mit Renaissance-Vokalpolyphonie des ganz großen Meisters des 16. Jahrhunderts, Palestrina, kreuzt. Can’t help falling in love with that.
Fünf gewinnt. Und zur Ziffer passt Dave Brubeck: „Take five“. Ohne großes Schnickschnack. Prost!
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