
„Wir schreiben“, hatte Ada im Weggehen gesagt und sah schön aus, als sie in den Bauch des Busses stieg, sich die Türen schlossen und sie davonfuhr. Fort. Sie sei auf der Suche nach sich selbst, hatte sie gesagt. Ob sie das finden würde, wohin sie sich begab? Und Wulnikowski stand da, sah, wie der Bus um die Ecke bog, und obwohl warmer Wind seine Arme umstrich, fröstelte ihn. „Wir schweigen“, war, was folgte.
Diesmal tuschelten dauergewellte Damen an der Bushaltestelle, als er wieder vorbeikam. Ein Landstreicher hatte die Kapelle auf dem Friedhof aufgebrochen und auf einem Leichenwagen gepennt. Aus den Kopfhörern eines Mädchens dröhnten Bässe, zuckten Beats, über denen eine Frauenstimme rappend erklärte, wie sie ihre Hüften kreisen lassen wollte. Und im Park um die Ecke standen Stöckelschuhe ohne darin steckende Frau fein söuberlich nebeneinander gestellt unter einem Mülleimer. Direkt an einer der Sitzbänke. Und irgendwer hatte dort auch noch orthodoxe Heiligenfiguren in den Maschendrahtzaun gehängt. „Unorthodox“, sagte Wulnikowski. Er seufzte. Und es durchzuckte ihn, ihr davon zu schreiben. Er ließ es.
Er selbst schritt weiter, dem Wochenmarkt entgegen. „Plattpfirsiche? Sind gerade besonders reif und saftig“, rief ihm die Verkäuferin zu. Und er blieb stehen, hob einen hoch, sog den Duft ein. Und er kaufte ein Kilo. Zuhause setzte er sich ans Klavier und spielte, gebrochene Akkordfolgen in c-Moll, und ein wenig war ihm, als hingen Senkbleie an den Fingern. Er ließ es, blickte aus dem Fenster.
Draußen, auf dem Bürgersteig, kritzelten Kinder mit Kreide Strichmännchen. Ein blonder Junge klaubte eine geriffelte Nudel vom Trottoir, schnüffelte daran, vielleicht Gorgonzola. Seine Augen glänzten, als habe er einen Sensationsfund gemacht, dessen Foto – vielleicht mit Schärpe und Pokal – sich auf der Titelseite von Jahreschroniken wiederfinden könnte.

Wulnikowski ließ Klavier Klavier sein. Besah den Haufen Plattpfirsiche, den er – mit den Gedanken ganz woanders hängend – gekauft hatte, obwohl er sie roh doch gar nicht vertrug und ihre pelzige Schale seinem Gaumen fiesen Juckreiz bescherte. Und kurz überlegte er, sich selbst einen Blaubeer-Aprikosen-Rosmarin-Crumble zu backen, weil bestes Frustschutzmittel. Aber dafür hätte er nochmal zum Supermarkt gemusst. Weil Nudelmotten sein Mehlglas besetzt und zu ihrem Zuhause erklärt hatten, hatte er seinen Vorrat entsorgt. „Wenn das Leben Dir Plattpfirsiche gibt, mach dann eben Marmelade draus“, murmelte er zu sich selbst. Immerhin waren die Nudelmotten nicht auch noch im Gelierzucker eingezogen. Als Zweitwohnsitz.
Und so schlappte er in den Garten, Rosmarin zupfen, weil die feinen Nadeln fast schon eine geheime Seelenverwandtschaft mit Aprikosen und Plattpfirsichen bilden, eine tiefe, unerklärliche Verbindung. Und er zupfte zudem ein wenig Zitronen- und Orangenverbene, weil deren Frische, in Marmelade versenkt und auf Brot gestrichen, den Gaumen necken. Er schlappte wieder hoch in die Wohnung, stellte die Musikanlage an, schon wieder Mollakkorde, diesmal Boysetsfire, und der Saft der Plattpfirsiche rann über seine Finger, als er damit eindrang, um sie zu entkernen. Und er legte sie zärtlich in den Topf und schnitt die Kräuter, und rieselte den Zucker hinein und eine Prise Salz, und er stellte den Topf an, und wenig später blubberte es.
Betörender Duft zog durch die Küche, und ein paar Minuten später steckte Wulnikowski seinen Probierlöffel ins Geblubber, und er sah, nein, schmeckte, dass es gut war. Vielleicht sogar die beste Marmelade, die er je gekocht hatte? Die zitrusfrische Süße, das eng umschlungene Miteinander der eher schüchternen Plattpfirsiche mit den forschen Rosmarinfitzeln, ließ ihn wohlig seufzen. Noch eine Entdeckung, von der er Ada am liebsten berichten würde. Er ließ es. Und während sie aufgebrochen war, auf der Suche nach sich selbst, hatte er gefunden, was er gar nicht gesucht hatte.

Zutaten für die Plattpfirsich-Marmelade mit Rosmarin und Zitronenverbene
1 Kilo Plattpfirsiche, Pfirsiche oder Aprikosen, gewaschen und entkernt
500 Gramm Gelierzucker 2:1
1 Teelöffel Salz
1 Bio-Limette, Schale abgerieben, Saft ausgepresst
2 Rosmarinzweige, gewaschen, die Nadeln abgestreift und feingehackt
1 Handvoll Zitronenverbene- und/oder Orangenverbene-Blätter, gewaschen, feingehackt
Ausreichend viele Gläser, ausgekocht und sterilisiert

Zubereitung für die Plattpfirsich-Marmelade mit Rosmarin und Zitronenverbene
Kräuter waschen und feinhacken, Plattpfirsiche auch – wie ebenfalls die Gläser (die zudem ausgekocht und sterilisiert sein sollten): Schließlich soll die Marmelade zumindest lange halten können, auch wenn sie wahrscheinlicher in Windeseile verschlungen ist.






Dann noch mit Zestenreißer oder Reibe die Schale der Bio-Limette abschrubbeln, hineingeben und den Saft hinzupressen. Alles zusammen mit dem Gelierzucker und dem Teelöffel Salz in einen Topf oder einen Kochbehälter geben und aufkochen lassen. Den Kopf dabei nicht hängen lassen. Ruhig eine Viertelstunde lang köcheln und blubbern und ein wenig karamellisieren lassen. Dann dem wildheißen Ganzen mit einem Pürierstab zu Leibe rücken und die Masse noch kochend in Gläser füllen.
Musik zur Marmelade
Aus den Boxen drang Boysetsfire, und irgendwo kochte jemand Marmelade, und vielleicht schwieg irgendwer.
Und über die Kopfhörer an der Bushaltestelle ließ Shoki in Filme ihre Hüften kreisen.
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Weniges was so zufrieden macht wie eine Reihe Gläschen voller selbstgekochter Marmeladenköstlichkeit, wunderbar
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Wie hält Ada es ohne bloß Wulnikowski aus? Wozu in die Ferne schweifen, sieh, Ada!, das Gute liegt so nah! möchte man der in die Selbstfindungsferne eilende Ada zurufen, doch meine Mutter sagte immer: „Reisende sollst du nicht aufhalten…“ und ohne Adas Schweigen stünde hier jetzt kein absolut nachkochenswertes Plattpfirsichmarmeladenrezept. Doch wo, zum Rummsbrummel, bekomme ich Orangenverbene her? Im Supermarkt sieht es mit solchen Zauberzutaten schlecht aus. Was könnte ich als Ersatz nehmen?
Lieber Ole, herzliche Grüße von Amélie
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Zitronenverbene und Orangenverbene gibt es in der Regel an Blumen- und Kräuterständen auf dem Wochenmarkt zum Einpflanzen. Beides unempfindlich und gut groß zu kriegen. Sehr lecker, perfekt für Salat.
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Zitronenverbene und Orangenverbene gibt es in der Regel an Blumen- und Kräuterständen auf dem Wochenmarkt zum Einpflanzen. Beides unempfindlich und gut groß zu kriegen. Sehr lecker, perfekt für Salat.
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