
Ein bisschen, dachte Wulnikowski, haben die Drückerkolonnen der Sozialverbände etwas von blutrünstigen Mückenschwärmen. Lange war er nicht in der Hauptstadt gewesen, hatte sich aufs Wiedersehen gefreut. Die noch angefrorenen Betonplatten ächzten unter den Schritten der Menschen, als er den Hauptbahnhof verließ. Wollte nur kurz vom Washingtonplatz ausa, den Blick einmal über den Spreebogen schweifen lassen – links Reichstag, rechts daneben die gigantische Betonwaschmaschine des Kanzleramts, schräg dahinter: der glasglitzernde Gipfel des Fuji als Zirkuszeltdach über dem Center am Potsdamer Platz. Doch hatte er schon nach den ersten Metern die Lust an der Aussicht fast wieder verloren.
Während einen in der Großstadt sonst ja eher niemand grüßte – oder verstört anblickte, wenn man einfach freundlich Hallo oder Moin sagte -, hatten hier alle Gesprächsbedarf. Und alle wollten etwas von ihm. Sie kannten ihn doch gar nicht. Grün bejackte Greenpeace-Anwerber lauerten auf Lücke. Dazwischen die Konkurrenz vom Arbeiter-Samariter-Bund, Klemmbretter mit Spendenzetteln im Anschlag – und schlechtes Gewissen gratis für jeden, der „Nein, danke“ sagt.
Wulnikowski hatte sich auf einen ruhigen Großstadtmoment gefreut, ein stilles Hallo-Sagen, stattdessen fühlte er sich nun wie ein Kaninchen, das gejagt wird von Spendensammel-Horden und zum Hakenschlagen gezwungen ist. Stresspuls. Und alle wollten ihn wie Mücken aussaugen. Der Schwarm wuchs: Von links „Hassemanefluppe“, von rechts „Hassemaneneuro“, bloß Blickkontakt vermeiden, dachte er.

Dabei war die Fahrt selbst schon fordernd genug gewesen, als sei er mitten im vielstimmigen Wirrwarr eines marokkanischen Basars gelandet: Souks statt Zug.
Während er doch eigentlich tief in Rilkes „Malte Laurids Brigge“ versinken wollte, hatte links von ihm eine Frau, anscheinend Kunst-Agentin, in loser Folge Galeristen angerufen und zusammengeschissen. Da könne sie Gemälde X oder Radierung Y ja gleich in die Ramsch-Gitterkästen bei Aldi werfen und da verticken – bei so niedrigen Preisen. „Wie, mehr zahlt keiner? Dann sorgt dafür, dass sie es zahlen wollen!“
Auf der anderen Seite des Ganges: Ein Kerl, der so tat, als telefonierte er – ohne Telefon. Brüllte in slawisch klingengem Englisch in die Luft, dass er als investigativer Journalist ja die finsteren Machenschaften Prince Andrews aufgedeckt habe, und dass Queen Mary ja jetzt in Oldenburg lebe, versteckt. „Nobody knows.“ Und all das hatte auch irgendwas mit der Ukraine zu tun. „That damn war.“
Und davor war da ja auch noch die angetrunkene Frau in einer angetrunkenen Frauen-Trias, deren Sohn sich den Kopf beim Sprung ins Bett aufgeschlagen hatte, Platzwunde, Blut rann, ihr Mann: ohnmächtig geworden beim Anblick, dabei müsste der ihn ja nun ins Krankenhaus bringen. All das auf laut gestellt, damit alle mithören können.
Inmitten des Krächzens und Dauersabbelns fühlte Wulnikowski sich, wie Malte Laurids Brigge in Rilkes Roman – an genau der Stelle, in seinem Buch auf Seite 2, an der wer wegen all des Lärms nicht weiterkam: „Elektrische Bahnen rasen läutend über mich hin. Eine Tür fällt zu. Irgendwo klirrt eine Scheibe herunter, ich höre ihre großen Scherben lachen, die kleinen Splitter kichern.“ Wer kann denn so lesen?
Schon in Berlin angekommen, fühlte er sich ruhedurstig, als habe die Zugfahrt ihm die Notsicherung rausgehauen: Heiß glühende Netzüberlastung. Und hier, auf den ersten Metern Hauptstadt, drehte die Stadt sie weiter auf.
Lichtbogen.
Überspannungsschutz verschmort.

Kein Slalom zwischen den Drückerkolonnen hindurch. Lieber Abfahrt. Wulnikowski machte auf dem Absatz kehrt, nahm die nächstbeste Glastür zurück in den Bauch des Bahnhofs. Auch darin: Menschgewordene Chaostheorie, überall hektisch Hetzende, Kofferräder klackern über Bodenplatten, Durchsagen krächzen, Horden von Menschen schwärmen durcheinander. Aber: Hunger. Auf die Schnelle eine Currywurst. Vom Havelländer Apfelschwein. Dass es sowas gibt. Sauce leider blass. Und mit Puckerpuls auch kein Genuss.
Wulnikowski hatte sich so aufs Wiedersehen mit der Stadt gefreut. Doch gerade sehnte er sich nur zurück ins Nichts, in die beschauliche Morbidität der Uckermark. Einsame Angerdörfer, in denen niemand überhaupt nur über die Straße schlurfte, den man hätte grüßen können.
Dort, wo er in einem verwitterten, moosbewachsenen Wohnwagen am Serwester See ein paar Tage zugebracht hatte. War stundenlang durch die Schorfheide geschlurft, hatte Krähennester in den nackten Baumkronen am Kloster Chorin gezählt und kleine Steine im Amtssee dahinter springen lassen.

Hatte dort alte Studienfreunde besucht, Scholli – ein Koloss von Kerl mit Haltung und Haltungsschaden – und Peggy. Und bei denen eine Suppe entdeckt, die zwar völlig aus der kalten Jahreszeit gefallen, aber umso köstlicher war: Toskanische Bohnensuppe. Und die vielleicht auch eben deshalb so hinreißend gemundet hatte, weil sie nicht nur gegen die beißende Kälte wärmte, sondern alle Sinne sie aufnehmen konnten: der zarte Biss der Zucchini, die Scholli jetzt nicht mehr aus dem Garten geerntet, sondern im Supermarkt in Eberswalde gekauft hatte. Nicht im Konsum, da sitzt jetzt ja die FDP. Dazu samtig gekochte Borlottibohnen, winzige Karottenwürfel, die in sich ruhende, sanfte Aromenwucht von Tomatenmark, die sättigende Stärke von Suppennudeln, der Duft von Rosmarin – und, das hatte Wulnikowski stutzen lassen – Salsicce. Wurst, so viel würziger als die vom Havelländer Apfelschwein. „Ditt is ooch ohne Wurst ne Wucht, echt vegan. Beste vegane Suppe nördlich von Niederfinow. Aber mit: Wucht mit Wurst. Richtich jut“, sagte Scholli.
Wie „richtig jut“ jenau diese Suppe jetzt täte, dachte Wulnikowski, auf der Apfelschwein-Currywurst herumkauend, während die Metropole ihn im Bahnhof hektisch umflatterte. Fahrstühle rasten rauf und runter, Tausende Schritte klackten zusammen wie Trommelwirbel. Lange hätte er alles gegeben fürs Leben im Herzen Berlin, hier und jetzt gab es ihm nichts. Und er sagte zu sich: „Manchmal ist das Nichts alles, und ohne Nichts ist alles nichts.“ Und ein klein wenig schmeckte dieser Satz nach toskanischer Suppe in der Uckermark, mit Sommergemüse, kurz vorm Winter. Und genau das hätte ihm auch jetzt deutlich mehr geschmeckt als der Slalomlauf vorm Großstadtbahnhof, auf der Flucht vor den Mückenschwärmen der Drückerkolonnen.

Das braucht man für die Toskanische Bohnensuppe
Das Rezept stammt aus dem wundervollen kleinen veganen Suppenkochbuch „Soupologie – 5 soups a day“ von Anastasia Argent.
Und die Portion ist für 2 Personen berechnet. Hochskalieren ist sinnvoll – schon, weil lecker!
2 Esslöffel Olivenöl
2 mittelgroße Zwiebeln (160 g), fein gehackt
2 mittelgroße Karotten (160 g), geschält und fein gehackt
1½ Zucchini (160 g), in feine Scheiben geschnitten
2 Knoblauchzehen, fein gehackt – oder im Frühling eine Handvoll frisch gepflückten, fein gehackten Bärlauchs
1 Esslöffel frischer Rosmarin, Blätter abgezogen und fein gehackt
3 Esslöffel Tomatenmark (zweifach konzentriert)
2 Dosen Borlottibohnen à 400 g (mit Flüssigkeit)
100 g Suppennudeln wie Orzo, Stellette oder Bucatini
650 ml Gemüsebrühe
Salz und frisch gemahlener Pfeffer
optional:
Falls Nicht-Veganer noch etwas Würze möchten: Salsicce oder grobe Bratwürste, ob vegan oder nicht – je nach Entscheidung.
Kräftiges Brot zum Servieren (optional)
Veganer Hartkäse/Hefeflocken zum Servieren – oder auch Parmesan

So wird die Toskanische Bohnensuppe zubereitet
1 – 20 Minuten schnippeln und dünsten:
Einen ruhigen Ort zum Kochen suchen. Hektische Bahnhöfe eigenen sich nicht. Da bräuchte es auch einen Gaskocher. Der könnte umgetreten werden. Brandverletzungen und Feuer möchte keiner. Daher zuhause, in der Uckermark, vielleicht auch in der Toskana Öl in einem großen Topf bei niedriger Hitze erhitzen.
Selbst runterkühlen, während man Zwiebeln, Karotten und Knoblauch schält und fein schneidet. Die Zwiebelwürfelchen oder -scheibchen dürfen zuerst schwitzen in der Hitze. Etwa fünf Minuten lang.

Wenn sie lang genug gezappelt haben und weich werden, erschlaffen und einen goldenen Teint bekommen, die Karotten- und Knoblauchschnitze (eventuell Bärlauch, wenn er in der Saison ist) dazugeben. Weitere fünf Minuten dünsten.

Sollten Mückenschwärme in der Nähe sein: erschlagen. Niemandem verraten, dass ich solche Tipps gebe.
Dann die Zucchini waschen und meditativ in Scheibchen schnippeln. Hineingeben und nochmals fünf Minuten dünsten. Wer, wie Scholli und Peggy, Salsicce oder grobe Bratwurst reinschmuggeln möchte, kann diese in kleine Stückchen schneiden und findet hier einen guten Zeitpunkt, sie im Schmurgelgut auf dem Topfboden zu versenken.
Dem Rosmarinzweig die Blätter vom Stiel streichen, dann mit zartem Furor den Reststress fortgrollen und -knurren, während man die Blättchen hauchfein hackt (Finger verschonen!), nochmals fünf Minuten garen lassen (in Summe sind wir hier bei 20 Minuten), mit Salz und Pfeffer würzen.

2 – Drei Minuten Durchatmen und Dosenöffnen
In konzentrischen Kreisen, durchatmend, das Tomatenmark einrühren, den Dosenöffner suchen, die Borlottibohnen-Dose damit öffnen und die eingedosten Borlottibohnen – samt Flüssigkeit! – wie Lemminge in den Topf stürzen lassen. Das Bohnenwasser dickt die Bande zwischen den verschiedenen Zutaten zart ein. Das darf dann etwa drei Minuten lang so weiterblubbern.
3 Nudeln mitkochen oder nicht? 10 bis 15 Minuten.
Hier könnt Ihr Euch entscheiden (schön, wenn man das kann – anders als am Berliner Hauptbahnhof, wo man nicht gefragt wird, ob man angequatscht werden möchte): Das Originalrezept, das Scholli und Peggy nutzen – aus „Soupologie – 5 soups a day“ von Anastasia Argent – sieht vor, die Suppennudeln direkt hier mit in den Topf zu streuseln, dann die Brühe (650 ml) anzugießen, das Ganze aufzukochen, die Würze zu prüfen und nach etwa 10 bis 15 Minuten die Hälfte der Suppe zu pürieren, dann zurück in den Topf zu schütten und sanft nochmal zu erwärmen (wie lange püriert die Frau, dass dann alles erkaltet? Aber gut).
Mit Verlaub: Ich mache das lieber anders. Und koche die Suppennudeln lieber getrennt in einem kleinen Topf in Salzwasser gar und gebe sie vorm Servieren dazu. Warum? Angefangen beim Punkt, dass ich die Vorstellung, Nudeln zu pürieren – wenn auch nur eine Hälfte des Topfes – bizarr finde. Doch auch abseits dessen funktioniert Anastasia Argents Variante dann super, wenn man direkt die ganze Suppe vertilgt. Restlos. Dafür gibt es gute Gründe, weil saulecker.
Aber: Wenn man eben nur einen Teil isst, bleibt der Rest stehen. Dann saugen die Nudeln die ganze Flüssigkeit aus dem Suppentopf in sich. Und wenn man Stunden später wiederkommt, hat man keine Suppe mehr, sondern… aromatischen Matsch.
Auch ob man die Suppe zum Teil pürieren möchte, lasse ich dahingestellt. Man hat ja vorher schon sehr viel feingehackt (wozu die Arbeit, wenn man hinterher noch püriert?) – und wenn man die Hälfte davon in einen „Blender“ gibt, macht das Lärm – und Arbeit. Und wer noch würzige Würstchen mit hineingibt: Auch die mag ich lieber unpüriert. Aber die tauchen im Originalrezept auch gar nicht auf.

4 Servieren
Die Suppe in zwei große Schalen schöpfen. Wer mag, toastet Brotscheiben kross und streut für noch etwas mehr Umami (veganen) Parmesan drüber. Oder ein paar Hefeflocken. Eventuell, wenn das Frühjahr wieder da ist, auch etwas frischen Bärlauch, fein gehackt.

Musik zum Menü
Eigentlich stimmt es für Wulnikowski gar nicht, weil er hatte sich so auf Berlin gefreut. Weil grandiose Stadt. Aber manchmal nervige Menschen, denen man da begegnen kann. Insbesondere direkt an den Ausgängen des Hauptbahnhofs. Da kann dann „Ich will nicht nach Berlin“ von Kraftklub schon passend. „Und auch, wenn andere Städte scheiße sind“…
Dann vielleicht lieber Bastian Bandt, den nur wenige kennen, der mit „Uckermark“ aber ein herrliches Song-Kleinod geschaffen hat: „Im Schatten der alten Apfelplantagen riecht es irgendwie nach Rosmarin und Lauch.“ Nach Rosmarin duftet auch die toskanische Bohnensuppe.
Auch „Uckermark“ von Alex Austen fügt sich da wundervoll ein.
Was man aber unbedingt festhalten kann, selbst wenn man in die Jahre gekommenen Glampunk von den Dead Kennedys gar nicht so schön findet: „Soup is good food“.
Und wer die inzwischen 20 Jahre alten allerersten Geschichten um Wulnikowski kennt, erinnert sich vielleicht an sein besonderes Verhältnis zu Tauben. Und jetzt zu Suppe. Da passt Pigeon Pit mit „Soup for my family“.
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Hallo Ole, Berlin ist einfach scheiße (oder richtig scheiße geworden). Vor allem im endlos grauen Winter. Bin froh, dort noch rechtzeitig (2012) rausgekommen zu sein. Dafür klingt die Suppe toll.
Liebe Grüße Cornelia
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Annetenbruck@alice-dsl.deVon meinem/meiner Galaxy gesendet
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Sieht ziemlich lecker aus! Ich würde als „Umami-Booster“ mindestens noch Brühe vom Dryadensattel einsetzen, evtl. auch Klapperschwamm. Sogar falls du keine Pilze mögen solltest (kamen sehr selten vor in deinem Blog, glaube ich?) wäre das einen Versuch wert, sie schmecken nämlich gar nicht nach Pilzen. Ich schicke dir gern ein paar zum Ausprobieren, wenn du willst
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Dryadensattel? Klapperschwamm? Spannend!
Ich mag tatsächlich sehr gern Pilze – auch wenn sie hier tatsächlich in Rezepten nur bedingt überpräsent sind.
Das Titelmonster hier sitzt ja auch auf Miso-Pilzrahm. 🙂
Sehr spannend aber. Nie gehörte Sorten!
Bei der Suppe reichte mir das Umami des Tomatenmarks. So gut da auch Pilze reinkommen oder alternativ vielleicht auch ein Schnups Steinpilzpulver gut tun könnte.
Hab nen zauberschönen Abend! Und Danke. Und die Sorten mal probieren, klingt super
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