
Jetzt, wo Sturm draußen Schnee verweht und Frost beißt, tut heiße Suppe gut. Etwa eine der besten Kürbissuppen, die ich kenne: mit Erdnüssen, Chili und Tomatenmark. Keine ganz typische. Eine, die inneres Feuer weckt, aus Österreich kommend an Aromen aus Ghana erinnert und von einer überaus tollen Kochbuchautorin stammt, von der sich zu erzählen lohnt.
Direkt zum Rezept? Geschichte überspringen? Dann hier entlang.

Vor etwa acht Jahren verschwand sie einfach. Frau Ziii, die brillante Schreiberin und Köchin, ging, als käme sie gleich wieder. Ohne Hinweis, ohne Abschied, als wäre sie nur Zigaretten holen. Gerade noch hatte sie, die eigentlich Susanne Zimmel heißt, vom Umbau ihres Küchenstudios (Teil 3) erzählt. Was dann folgte, haben wir nicht mehr erfahren. Es blieb still. Zumindest auf ihrem Blog. Sie ging, ließ die Tür zur Seite offen. Das Geschichtenbuch offenliegend, während sie ihre selbst weiterzog, zu Instagram.
Noch immer gelangen wir auf dem Blog, kurz vorm Ende, an einen See, an dem ihr angelnder Vater sitzt. „Ich weiß nicht, warum der Papa immer so ein Theater um seine Fische macht. In aller Herrgottsfrüh sitzt er schon auf seinem Klapphocker am Teich. Stundenlang schmeißt er die Angel ins Wasser und wart’… und wart’… bis einer beißt. Bis zum Finsterwerden haben ihm die Fische alle Würmer vom Haken gefressen, dann packt er wieder zusammen und geht nach Hause.“

Manchmal fing er einen Karpfen, meistens aber keinen. Trotzdem war er nach dem Fischen immer gut aufgelegt, „weil ausgeschlafen und putzmunter, denn zwischen der ganzen Warterei döselt er auf seinem Hocker dahin. Der Mutti ist es recht. Sie hat ihre Ruh‘ und der Papa die seinige. Es mag also viele Gründe geben, warum einer Fischen geht, aber wegen dem Essen ist es, glaub ich nicht. Dabei wäre das Fischen so einfach, wenn man weiß wie es geht.“
Wie das mit dem Fischen ist, hat Frau Ziii sich dann in einer Karpfenzucht erklären lassen. Hätte ihrem Vater direkt im Anschluss erklären können, wie das geht. Weil wenn man Bescheid weiß, kann man sowas. Und Bescheid weiß Frau Ziii in vielem – und davon hat sie über Jahre wundervoll erzählt, im Blog. Anders als ich immer im höflich-förmlichen Sie zu den Lesern.
Insbesondere, wenn es um deftig-würzige Hausmannskost geht, waren und bleiben Ziiis Texte eine Wucht. Ihr Kochbuch „Wiener Küche“ gehört zu den wenigen, bei denen jedes von mir nachgekochte Gericht ein Volltreffer war (kein Affiliate-Link, Buch selbst gekauft, ich mag es einfach nur so sehr). Zuvorderst das fantastische Wiener Wirtshausgulasch, das es hier immer wieder gibt und – auch dank gestrenger Gesetze – zu den besten Schmorgerichten gehört, die je in meiner eigenen Küche geköchelt haben. Das Buch ist kürzlich in einer Neuauflage erschienen, und ich nehme an, darin gibt es auch weiterhin ihre besondere Kürbissuppe. Mit „Aschantis“.

Wie meine Kürbissuppen-Welt dreidimensional wurde
Die bricht aus der Kürbissuppen-Welt, wie ich sie vorher kannte. Die war zweigeteilt: Auf der einen Seite die hierzulande klassisch erlebte Kürbissuppe, auf der anderen Curry-Kokos-Kürbissuppen. So ein wenig wie in einer legendären Szene aus „Blues Brothers“, wo Jake und Elliott den Wirt fragen: „Was habt Ihr denn für Musik?“ Und der sagt: „Wir haben beide Arten: Country – und Western.“
In meiner dichotomischen Kürbissuppen-Welt war es so: Auf der einen Seite schmurgeln Suppengemüse und Kürbis angedünstet vor sich hin, blubbern dann vielleicht auch um einen zerlegten Apfel ergänzt in würziger Brühe umher. Und sie werden eine feine, aber auch ein wenig nach früher duftende Suppe, auf die ein Schnups Kürbiskernöl tropft und geröstete Kürbiskerne purzeln – mit etwas (Sauer-)Rahm und vielleicht etwas Apfelessig abgeschmeckt. Eine Suppe, die erinnert an Zeiten, als mehr Menschen Hildegard oder Manfred hießen und vor dem Schwarz-Weiß-Fernseher auf Geschichten von Francis Durbridge hinfieberten – oder auf „Tante Jutta aus Kalkutta“. Ganz allmählich wurde diese Suppe aber bei aller Feinheit so spannend wie Mehl.
Und so wendeten viele sich im Herbst, wenn die Kürbisse (manche sagen auch Kürben) reif im Mutterboden rumlagen und geerntet wurden, der asiatischen Halbschwester zu: Denn Kürbis selbst hat zwar eine kulinarisch feinsinnige Erscheinung, ist ein wenig süß, aromatisch etwas blass um die Nase, und einen polternden Charakter kann ihm keiner nachsagen. Umgibt sich klaglos mit allen, die sich mit ihm umgeben. Nutzt gern deren Abglanz, gerade, wenn er schillert. Entsprechend spannend waren Kürbissuppen alsbald, die nicht altertümlich gewürzt waren, sondern in denen Currypulver und Kokosmilch plötzlich exotischen Duft verströmten, manchmal sogar mit etwas Mangofruchtigkeit. Eine ganz andere Aromenwelt im tiefen Teller. Gefühlt, hat man sich an dieser ebenfalls köstlichen Variante aber auch über die Jahre sattgegessen. Reicht erstmal. Jetzt mag man die verstaubtere der beiden Suppen mal wieder kochen. Oder nicht doch lieber diese?
In ihrer „Wiener Küche“ hat mir Frau Ziii die dritte Dimension meiner Kürbissuppen-Welt geschenkt – vordergründig „eine schlichte Kürbiscremesuppe, wie sie in Österreich gern gegessen wird“. Doch die hat es faustdick hinter den Ohren. Angeregt durch eine Freundin, „die jetzt in Übersee lebt“, kreuzt diese Suppe die Aromenwelten Österreich-Ungarns und Westafrikas rund um den blassen Kürbis. Frau Ziii trägt als Brandstifterin mit Chilischoten Feuer in die Sache. Und dann umschmiegt sie den Kürbis, diesen aromatisch blassen Gesellen, mit dem sattsäuerlichen Umami von Paradeisermark, also Tomatenmark, mit Erdnuss(butter) als „Extraschmäh“. Genau die konturiert auch die Aromen einer meiner Lieblingssuppen, ghanaischer Tomaten-Erdnuss-Suppe. Hier nur etwas abgemildert, durch den sämig-milden Kürbis.
Und was ist derdiedas Aschanti?
Und da haben wir jetzt „Aschanti“. Weil: so hießen Erdnüsse früher in Wien. „Heute nur noch für die süßen, gebrannten Erdnüsse gebräuchlich, obwohl damit eigentlich die Erdnuss generell gemeint ist.“ Dabei meint Aschanti ursprünglich das gleichnamige Volk, das in Ghana lebt, dort Erdnüsse anbaut – und selbst fantastische Suppen mit Erdnüssen kocht.
Umso schöner, dass die Erdnüsse sich so gut mit dem Kürbis verstehen, von denen umringt, wirkt er wirklich umwerfend. Und so mischt sich in der dritten Dimension meiner Kürbissuppen-Welt tief Vertrautes mit aufregend Neuem, verbinden sich Schärfe und Raffinesse, narren und begeistern die Geschmacksknospen. Und sie wärmen gerade jetzt, wo draußen die Winterkälte beißt und Schuhsohlen auf festgefrorenem Schnee knirschen.
Für diese österreichisch-ungarisch-ghanaische Suppenwucht kann ich nur „Danke“ sagen. Auch dafür, dass es Frau Ziii und ihr Buch weiter gibt – und den Blog, so verwaist er vor sich hin liegt.
Was überraschend gut zur Erdnuss passt: Asante, von den Briten einst zu „Ashanti“ transkribiert, heißt in der Akan-Sprache Twi, die in Ghana gesprochen wird, unter anderem: „Danke“. Danke für die dritte Dimension in meiner Kürbissuppen-Welt, werte Frau Ziii! Und für so viele schöne Geschichten – wie die über Ihren erfolglos angelnden Herrn Papa.

Das braucht man für die scharfe Kürbiscremesuppe mit Aschanti
Bei der Kürbis-Wahl empfiehlt Frau Ziii „für diese Suppe unbedingt Hokkaidokürbis zu verwenden. Er ist einer der würzigsten und kocht schön sämig ein. Außerdem braucht er nicht geschält zu werden“.
Für 4 Portionen braucht man:
- 400 g Hokkaidokürbis
- 1 sehr kleine Zwiebel oder Schalotte
- 1 EL Olivenöl
- 1 TL Tomatenmark
- 600 ml Gemüsebrühe
- Salz
- getrocknete Chiliflocken
- 100 g Schlagsahne (Veganer können sie durch Kokosmilch ersetzen)
- 1 großzügiger Esslöffel Erdnussbutter
- Kürbiskernöl zum Servieren
Zeithalber braucht es samt Geschnippel am Ende vielleicht eine Dreiviertelstunde, wobei der Großteil der Zeit Rumköcheln ist.

So wird die Kürbissuppe mit Aschanti gemacht


Zuerst den Kürbis halbieren und mit einem Löffel die Kerne und das schwabbelige Gelumpe drumherum herausschaben. Dann grob würfeln.
Die Zwiebel schälen, feinhacken und in etwas Olivenöl oder Butter bei mittlerer Hitze anschwitzen, bis sie zartgolden werden.
Das Tomatenmark hinzugeben und rösten, bis es gar nicht mehr so rot ist wie zuvor, und sich leicht an den Topfboden anschmiegt (aber nicht anbrennt)!




Die Kürbisstücke hinzupurzeln lassen, leicht salzen und kurz mitschwitzen, auch die Chiliflocken dürfen dazurieseln (lieber vorsichtig beginnen, auch je nachdem, wie scharf Eure Chiliflocken sind); dann die Brühe angießen.
Einmal kurz aufkochen lassen, dann die Hitze runterstellen auf niedrige Stufe. Eine Viertelstunde vor sich hinblubbern lassen.
Vielleicht kurz den Schneeflocken zusehen, falls sie vorm Küchenfenster herniedersegeln.
Dann Schlagsahne und Erdnussbutter einrühren.
Und zum Schluss das Ganze mit dem Stabmixer fein pürieren. Die gestrenge Frau Ziii empfiehlt: „Nochmals erwärmen, abschmecken und bei Bedarf mit mehr Suppe oder Wasser verlängern, bis Ihnen die Textur richtig erscheint.“ Und dann: „Am Tisch mit Kürbiskernöl verfeinern.“
Wer mag, sage ich, kann für ein wenig zarten Crunch nun auch noch ein paar geröstete Kürbiskerne oder auch kleingehackte geröstete Erdnüsse darüberstreuen. Oder auch einfach ein paar Petersilienblätter.
Variationsmöglichkeiten für diese so schon famose Kürbissuppe mit Erdnüssen, Chili und Tomatenmark
Für Verspielte, die über das tolle Rezept hinaus beim Immerwiederkochen Lust auf Variationen haben: Für eine zarte Horizontverschiebung in Richtung Verve und afrikanische Hitze, kann man auch gern ein wenig Ingwer, vielleicht 3 cm eines Rhizoms, schälen, feinst hacken/reiben, zu den angedünsteten Zwiebeln geben.
Ein Schnups Sojasauce, Miso oder Coco Aminos kann unauffällig Tiefe bringen. Auch ein Teelöffel Paprikamark mit seiner sauren Schärfe kann gewinnbringend sein.
Auch ein, zwei Teelöffel Yuzu Tea, also Yuzu-Gelee/Marmelade, können den Aromenfächer noch spannend weiter aufziehen. Das gilt auch für ein wenig abgeriebene Schale einer Limette (und vielleicht auch den Saft einer halben), für ein wenig mehr spritzigfrische Säure.
Mit alledem sind wir dann endgültig von Österreich abgereist, aber wir sind hier ja am Ende auch nur bei mir.




Musik zum Menü
Wenn es hier schon in so großen Bögen um „Aschanti“ geht, als Erdnuss, als Volk, wäre es doch „foolish“, hier Ashanti zu unterschlagen. Die R&B-Sängerin, die mit eben diesem Titel in den 2000ern die Charts stürmte.
Nun finde ich ehrlicherweise Ashanti eher so spannend wie Mehl. Und sind mir die Smashing Pumpkins musikalisch viel lieber. Insbesondere das großartige „Tonight, Tonight“, das auf so wundervolle Weise die „Reise zum Mond“ von Georges Méliès aufgreift.
Und dann ist da auch noch Kate Nash, die Kürbissuppe in „Pumpkin soup“ in einen veritablen Hit verwandelt hat.
Und Bibiza, der – ein wenig auf Falcos Spuren – als Indie-Newcomer in Österreich gefeiert wird und mit „Eine Ode an Wien“ eine Hommage daherknödelt, die ich hier Frau Ziii widme.
Und weil sie mit Instagram jetzt ja an einem neuen Ort schreibt, knipst, am Leben teilhaben lässt, passt auch „Your new place“ von Racing Mount Pleasant, die das für mich vielleicht spannendste, schönste Album des Jahres 2025 veröffentlicht haben.
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Ein sehr schöne Variante, werde ich mal nachkochen! 🥣 Und danke auch für den Impuls mal wieder in die „Wiener Küche“ zu schauen. Passt wunderbar in die Jahreszeit. ❄️
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Das Buch ist großartig, gerade jetzt, wenn es kalt ist. Und die Suppe ist es ebenfalls, finde ich. Ich hab diesmal noch die am Ende erwähnten Variationen mit eingebaut. Hat mir noch besser gefallen, aber die Grundsuppe ist schon ne Wucht. Ganz liebe Grüße, schönes Wochenende!
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