
Oh Jesús!
An dieser Stelle hätte heute ein Leberwurst-Rezept stehen können. Eigentlich.
Nur: Ich mag keine Leberwurst. Auch nicht im Plural. Und schon gar nicht, wenn solch eine Wurst schnippisch mit vorgeschobener Unterlippe rumsitzt, bis ins fein gekutterte Mark erschüttert und gekränkt bis nach Meppen. Beleidigte Leberwürste rangieren auf meiner Sympathieskala ganz weit hinten. Tabellenende und rote Laterne zum Greifen nah. Wenn man in dieser Woche nun miterleben musste, in Bergen unaufhörlicher Berichte, wie entrüstet Cristiano Ronaldo darüber war, dass er im Länderspiel gegen Norwegen beim Stand von 2:1 zwar zum Aufwärmen geschickt, aber nicht eingewechselt worden ist: Da kann man natürlich nur mit schaumgeborener Kränkung von dannen stiefeln, schmollend in den Privatflieger stampfen und im Nachgang dem Nationaltrainer Jorge Jesús Worte der Reue diktieren wollen. Weil er – im sinnfreien Sportreporter-Slang – sogar in beiden Halbzeiten nicht stattgefunden hatte. Danach aber umso mehr. Da kann man dann Pflicht-Entschuldigungen vorformulieren und nach Diktat verreisen: Dass man so mit Spielern vom Range eines Pelé oder Maradona nicht umgeht. Aufwärmen lassen und nicht einwechseln. Und da muss man dann auch eine Anklageschrift von mehr als 2000 Worten verfassen. Wäre Emile Zola Portugiese und dann auch noch Profifußballer gewesen, vielleicht hätte sich sein „J’accuse!“ so gelesen.
Vielleicht hätte Cristiano Ronaldo seine Kränkung stattdessen lieber gehackt gelegt – und vielmehr Hackbällchen zum Aufwärmen geschickt. So richtig leckere. Wurstbrät statt beleidigter Leberwurst. Vielleicht wäre ihm dieser Klops nicht passiert.
Während sonst so ungefähr alles inzwischen medial durch den Fleischwolf gedreht worden ist, wer bei diesem Eklat was zu wem gesagt hat oder nicht sagen wollte, bleibt unbekannt, ob es an dem Tag eigentlich was zu essen gab. Und wenn: Was.
Denn: Vielleicht war Cristiano der Große nur ausgehungert? Viele Leute kriegen dann schlechte Laune. Eventuell hätten ihn ein paar Kichererbsen auch zum Lächeln gebracht. Proteine sind ansonsten ja nie weg. Und zu den teuren Wahrheiten, für die man im „Doppelpass“ fünf Euro ins Phrasenschwein stecken könnte, gehört ja: „Sauer macht lustig.“ Und da hätte ein wenig Granatapfelsirup vielleicht auch helfen können, wieder lustiger zu werden. All das jedenfalls kredenzt der kulinarische „König Otto“, Yotam Ottolenghi, in seinem neuesten Werk „Simple Too“ gemeinsam in einer köstlichen Pfanne. Und lieber schmoren Wurstbällchen in der Pfanne als beleidigte Leberwürste auf der Bank. Wer weiß? Möglicherweise wäre Cristiano nach dem Genuss kurzzeitig wie ausgewechselt gewesen. Vielleicht glücklich. Vielleicht auch, was er als Fußballer nie je war: satt.
Das Gute ist: Auch all diejenigen, die gar keinen Privatflieger besitzen, aber genauso wenig gegen Norwegen eingewechselt worden sind, können dieses herrliche Rezept nachkochen, das wunderbar simpel und doch raffiniert ist. Dessen Aromen aus 1001 Nacht trösten auch darüber hinweg, wenn man (noch) keine 1000 Tore als Fußballprofi geschossen hat. Und Jesús hätte vielleicht weniger Unglauben ausgelöst.
Glaube ich. Und das Ganze ist auch in um und bei einer halben Stunde fertig. Hätte Ronaldo sich nach dem Aufwärmen an den Herd gestellt statt beleidigt auf die Bank gesetzt, hätte er spätestens zum Abpfiff Leckeres zu essen gehabt.

Zutaten für die Wurstbällchen mit Kichererbsen und Granatapfelsirup
Vorweg: Schon um den ökologischen Fußabdruck so gering wie möglich zu halten, für den Weg zum Einkaufen den Privatjet im Hangar oder auf dem Rollfeld zu lassen.
Für diejenigen, die teilen und abgeben können, reicht das Ganze eigentlich für vier Personen. Bei CR7 bestehen zarte Zweifel.
Vorbereiten dauert zehn Minuten, zubereiten weitere 25.
Zutaten
3 EL Olivenöl
400 g grobe Schweinsbratwürste (oder Schweinehackfleisch)
1 große Zwiebel, fein gehackt (knapp 200 g)
2 grüne oder rote Paprikaschoten, geputzt und in Würfel geschnitten
2 Knoblauchzehen, zerdrückt
1 EL Biber Salçası (türkisches Paprikamark), mild oder scharf, alternativ: ungarisches Paprikamark, ergänzend/ersetzend: vielleicht auch Tomatenmark
1 TL Pul Biber (türkische Chiliflocken)
1½ TL Piment, gemahlen
1 TL Kreuzkümmel, gemahlen
1 kleines Glas oder 1 kleine Dose Kichererbsen à ca. 400g
1 kleines Bund glatte Petersilie, grob gehackt (15 g)
100 g griechischer Joghurt (10%)
30 g Pinienkerne, hell geröstet
1 EL Granatapfel-Melasse
1 TL Dattelsirup (Zuckerrübensirup tut es alternativ auch)
feines Meersalz
schwarzer Pfeffer

Zubereitung der Wurstbällchen mit Kichererbsen und Granatapfelsirup
Während CR7 gern „wie aus dem Ei gepellt“ aussieht: Hier erstmal die Wurst aus der Pelle holen, kleinzupfen – und das Brät mit flinken Haken in Bällchen verwandeln.
Zwiebel auf die „Platte“ legen. Nicht vom „Häuten der Zwiebel“ lesen, genau das aber tun. Breitbeinig davorstellen wie CR7 vorm Freistoß. Dann das Messer in geschmeidiger Flugkurve punktgenau versenken. Bis die Zwiebel feiner zerlegt ist als die gegnerische Abwehrlinie. Immer und immer wieder. Danach: Falsche Tränen theatralisch aus dem Augenwinkel reiben. Dasselbe mit den Paprikaschoten anstellen. Die zusätzlich vom Kerngehäuse und den inneren Häuten befreien. Könnte sonst zu geschmacklicher Verbitterung führen. Genau die wollen wir hier nicht. Dann, wenn der Schiri gerade wegschaut, Tätlichkeiten an der Paprika begehen und mit der scharfen Klinge des Messers darauf einhacken, bis die Würfel gefallen sind.
Olivenöl in einer Pfanne erhitzen – wichtig: nicht ganz so heiß, wie Ronaldo sich selbst findet. Darin dann die Wurstbrätbällchen anrösten und schmoren lassen, immer mal wieder rotieren und Positionen tauschen lassen, bis sie am Ende sogar ein wenig mehr Patina und Teint haben als der fünfmalige Weltfußballer. Vielleicht insgesamt fünf Minuten lang.

Aus allem Schäumen die kleinen Klopse mit der Schaumkelle retten und auswechseln. Die Bälle abtropfen lassen. Am besten auf Küchenpapier.
Jetzt ein wenig Hitze rausnehmen, die Zwiebel- und Paprikahackschnitzel stattdessen einwechseln und in die Pfanne geben, für etwa zehn Minuten, auch die Gewürze und Pasten einwerfen und mitbraten: Piment, Kreuzkümmel, Pul Biber, Biber Salçasi.
Nach etwa zwei weiteren Minuten wird’s Zeit für Pressing – beim Knoblauch, der auch in die Mannschaft kommt, und für Gekicher auf dem Platz: denn die Kichererbsen samt Einlegeflüssigkeit (Aquafaba) und ein halbes Glas Wasser dürfen die bisherige Hitze ablöschen.
Restfrust abbauen, indem man jetzt auch mit der Hackebeilklinge auf die Petersilie eindrischt, bis sie sich in Fitzel, klein wie Rasenschnitt nach dem Mähen, zerlegt hat.
Nachdem sich die Mannschaft in der Pfanne kurz eingespielt hat, dürfen auch die Wurstbällchen wieder nach ihrer Halbzeitpause zurück auf den Platz. Mit saurer Miene darf jetzt auch der Granatapfelsirup aufs Feld schleichen. (Bei Ottolenghi ist der nichtmal im Kader und muss von der Tribüne aus zusehen, aber für mich macht er alles noch viel besser und runder.) Und wer möchte, dass ein wenig Süße alles zusammenhält, lässt hier auch den Dattel- oder Zuckerrübensirup reintropfen (schicker sieht’s aus, wenn er ganz am Ende auf dem Schlag Joghurt dunkle Fäden zieht).

Jetzt bleibt kurz Zeit, sich die Haare zu gelen. Aber Achtung: Hände waschen und nichts reintropfen lassen.
Kurz vorm Abpfiff alles mit Salz abschmecken, damit die Sauce an Kraft gewinnt – und statt frustriert Wasserflaschen irgendwohin zu pfeffern, darf die Pfeffermühle auch noch ein paar Aufwärmrunden drehen. Sogar über dem „Platz“, nicht nur daneben.
Mit dem Schlusspfiff dann die Mannschaft auf den Teller als Podium bitten: Zum Jubelfoto kommen auch noch kühler Joghurt, Pinienkerne und die Petersilienfitzel zum Gratulieren. Und werden alle gemeinsam am Ende gierig aufgegessen. Vielleicht von CR7, der zuvor als beleidigte Leberwurst nur vom Rand aus zuschauen durfte. Vielleicht aber auch von all jenen, die gar keinen Grund haben, beleidigt zu sein. Sondern einfach nur Hunger. Auch ohne Privatjet.
Bom apetite!

Musik zum Menü
Mimiiiii, mimimimimiiiiiii! Wie klingt es eigentlich, wenn ein 41-jähriger Fußballgott feststellt, dass er auf der Ersatzbank genauso Ersatzspieler ist wie alle anderen? Für mich haben die Muppets die passende Vertonung längst geliefert: „Mimi“.
https://www.youtube.com/watch?v=I08EpZU8z8M&list=RDI08EpZU8z8M&start_radio=1
Nun soll sich hier wahrlich nicht alles um Egos aus Funchal auf Madeira drehen. Denn auch die Sauce der Wurstbällchen kann wirklich eine Menge. Und so, wie der Text hier mit Klopsen und CR7 eigentlich Unvereinbares in einen Topf wirft, haben G. Love & Special Sauce in den 90ern auf unwiderstehliche Weise HipHop und Blues verkuppelt. „Baby’s got sauce“. Riesenhit!
https://www.youtube.com/watch?v=cDqADZygseM
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