
Klatschnasse Bindfäden baumeln unentwegt himmelabwärts. Niemand würde behaupten, es regne zu viel. Aber vor meinem Vogelhäuschen im Garten schlägt eine Forelle mit ihren Flossen und knabbert am Meisenknödel. Eine Qualle brennt mit ihren Nesseln Muster ins Holz, das mein Hochbeet verkleidet – und Miesmuscheln haben den Sonnenschirmständer als ihre neue Heimat ausgemacht und daran angedockt. Über Wochen war es so knochentrocken, dass Staub bei jedem Schritt aufstob, und so heiß, dass das Hirn während der Arbeit schmolz wie Butter. Nun ist endlich Urlaub – und der Strand am Badesee ist ein großer Schlammpfuhl, Ameisen ertrinken auf der Terrasse und inmitten des Sommers wächst die Sehnsucht nach Grog.
Und während ich mich dem Festival der Konjunktive hingebe und darüber nachdenke, wie es auch hätte sein können, wie viel schöner es jetzt wäre, unter Sternen im Süden Kretas zu liegen oder mit Ouzo Jürgens in einer Taverne anzustoßen, muss etwas Tröstliches her, um die Laune zu heben und Schietwedder-Lagerkoller vorzubeugen. Nun ist es zu früh am Tag und im Jahr für Grog. Was aber die Stimmung auch aufhellen kann, ist köstlicher Knusper. Der umarmende Klang einer frisch aus dem Ofen gezogenen Lasagne, deren Kruste man mit einem Löffel knackt wie Amélie eine Crème Brulée. Überhaupt alles, was mit Käse überbacken ist, aber davon wohnt gerade zu wenig im Kühlschrank. Unwiderstehlich unwiderstehlichen Schietwedder-Knuspertrost liefern aber auch Streusel. Und wenn man die als Decke über sommerliches Obst legt, dann wird für einige Momente über die graue Sintflut vor den Fenstern egal. Besonders, wenn unter den mit Kardamom verfeinerten Streuseln saftige Nektarinen (oder Aprikosen) und pflückfrische Blaubeeren sich mit Rosmarin, Zitronenverbene, gehackten Walnüssen, Zitronenzesten und Ingwer zu einem sehr schnell zusammengeworfenen, aber gaumenkribbelnden Aromenwunder verbinden. Ein fantastisches Frustschutzmittel. Tausendundein Mal besser als Selbstmitleid! Zumal man kaum mit weniger Aufwand fantastischen Knusperkuchen bekommen kann, als wenn man ein wenig Obst und vielleicht Kräuter oder was grad da ist, in eine Form wirft und schnell einen Streuselteig zusammenrührt und darüberkrümelt.








Rosmarin und Zitrone verstehen sich verblüffend prächtig mit Aprikosen und Nektarinen, verblüffende Freunde fürs Leben, was ich erstmals bei einem köstlichen Dessert der fantastischen Sterneköchin Tanja Grandits gemeinsam genossen habe. Da noch mit einer sahnigen Pistazien-Dessertsauce. Ein Erweckungserlebnis. Für mich ähnlich augen- oder gaumenöffnend wie die verblüffend grandiose Liaison von Kakao und Liebstöckel – oder das Miteinander von Wassermelone, Feta und Minze.
Das Kraut, das die Griechen schon der Liebesgöttin Aphrodite widmeten (und der Jagdgöttin Artemis), das sie als Räucherwerk verbrannten und den Toten auf ihre letzte Reise mitgaben, das sie in Brautkränzen steckten – und dessen Blüten nach katholischem Glauben meerblau wurden, nachdem die Jungfrau Maria einen blauen Mantel auf einem Rosmarinbusch zum Trocknen aufgehängt hatte. Man mag sich fast wundern, dass Rosmarin und Aprikosen so gut miteinander können, wo sie doch beide durchaus aromatische Dickköpfe sind, die sich mit ihren Noten schnell mal in den Vordergrund drängen und ins Scheinwerferlicht tanzen. Weil man Rosmarin eher mit gegrilltem Fleisch, Räuchernoten und Backkartoffeln verbindet und nicht mit saftigen Sommerfrüchten. Aber wer den süßlich-herben Kollegen darauf reduziert, verpasst was.
Natürlich: Insbesondere wenn Rosmarin allzu üppig ins Scheinwerferlicht tritt, kann er auch schonmal nerven, weil er alle Aufmerksamkeit auf sich zieht mit seinem schillernden Spektrum zwischen harzigen Noten, Nelken-Anmutung, mal orangig, mal terpentin-zitronenartigen Wesenszügen und sogar einem Hauch von Rosenduft, der dem enthaltenen Öl Geraniol entströmt. Und dann sind da auch noch Kaffee- und Carnosolsäure, die dem ledrig-zähen Gesellen zarte Bitternis geben.
Doch in der Nebenrolle, als Kumpel der Aprikose, macht er sich prächtig. Trinkt auch Brüderschaft mit der pfiffigen Zitronenverbene, gibt den Zitronenzesten und dem Zitronensaft einen aus, spielt Armdrücken mit dem neckisch-scharfen Ingwer, piekt Walnuss-Häcksel in die Rippen und macht das Ganze zu einem großen Spaß!
Und wenn darüber dann die Kardamom-Streusel knuspern, schmeckt der Tag zumindest nach dem, wonach er nicht aussieht und sich nicht anfühlt: nach Urlaub. Nach Sonne, und es weckt Erinnerungen an Haut, die nach Sonnenmilch duftet, nach glitzernden Badeseewassertropfen auf der Haut. So kann man dem Asch-, Blei-, Zement-, Beton- oder Stahlgrau des Himmels genussvoll den kulinarischen Mittelfinger zeigen und sich zumindest für Momente fortträumen. Und wenn man die Augen zumacht, klingt der Regen wie Applaus.

Zum Weiterlesen: Weitere fixe Sommergenüsse zum Fortträumen aus dem Regengrau
- Mehr Lust auf Apple-Caramel-Crumble? Bittesehr!
- Ratzfatz-Pasta mit Avocado-Sesam-Joghurtcrème
- Orientalische Wraps mit mit in Ras el Hanout mariniertem Hähnchen, Minzjoghurt und Granatapfelkernen.
- Scharfer balinesischer Obstsalat
- Großstadtverträumte Penne alla Vodka

Zutaten für den Aprikosen-Blaubeer-Rosmarin-Crumble
Für die Füllung:
400 Gramm frische Aprikosen oder Nektarinen oder Pfirsiche
150 Gramm frische Blaubeeren
1 Bio-Zitrone, Schale abgeraspelt, die Hälfte davon ausgepresst
1-2 Esslöffel Ingwer, frisch gerieben
Zwei Rosmarinzweige
1-2 Handvoll Zitronenverbene-Blätter
2 Handvoll Walnusskerne, kleingehackt
2 Esslöffel Rohrzucker (optional, je nach Reife der Aprikosen)
1 Prise Salz
Für die Streusel:
300 Gramm Mehl
150 Gramm Butter, geschmolzen (für Veganer: 150 Milliliter neutrales Öl)
150 Gramm Rohrzucker
1 gehäufter Teelöffel Kardamom
1 gestrichener Teelöffel Salz

So wird der Aprikosen-Blaubeer-Crumble gemacht
Am besten zu Beginn schon den Ofen auf 180°C (Ober/Unterhitze, oder 160°C bei Umluft) vorheizen. Die Aprikosen oder Nektarinen waschen, halbieren, den Kern auslösen, in Scheiben schneiden und in eine Spring- oder Quicheform legen (das Rezept ist ausgelegt für 28 Zentimeter Durchmesser) oder in irgendwas Anderes, ähnlich Großes, das in der Gluthitze des Backofens nicht zerspringt. Die Blaubeeren darüber verteilen. Das Ganze eventuell zuckern, falls die Aprikosen/Nektarinen noch nicht ganz so sommersüß und saftig sind. Eine Prise Salz darüberstreuen, die die mildsaure Süße kontert und die Aromen konturiert.

Zesten von der Bio-Zitrone reißen/die Schale abreiben, die Zitrone halbieren, den Saft einer halben Zitrone über die Früchte pressen. Den Ingwer (etwa ein bis zwei Zentimeter vom Rhizom, je nach Dicke) schälen und feinreiben und dazugeben. Die vom Strunk gezupften Rosmarin-Nadeln und die Zitronenverbene-Blätter darauf drapieren.

Die Walnüsse hacken und die Hackschnitzel sowie die Zitronenzesten auf der Obstmasse verteilen.

Für den Streuselteig das Mehl in eine Schüssel sieben. Zucker, Salz und Kardamom dazugeben und mit einer Gabel oder einem Schneebesen gut vermischen. Die Butter auf dem Herd in einem kleinen Topf schmelzen und in die Mehl/Zucker/Salz/Kardamom-Masse gießen. Ordentlich verteilen, mit den Händen zerbröseln. Wie fein? Hängt davon ab, wie grob oder fein Ihr Eure Streusel mögt.
Die Streusel dann auf dem Obst/Kräuter/Walnuss-Miteinander verteilen. Wen spontan der Hafer sticht, oder wer romantisch verklärte Kitsch-Anwandlungen hat, kann auch ein Herz in die Mitte malen mit dem Finger.

Das Ganze in den heißen Ofen schieben und backen, bis die Streusel karamellgolden sind. Das dauert meist um die 30 Minuten. Exakte Angaben sind bei so zickig-unterschiedlich-eigenwilligen Gesellen wie Backöfen schwierig. Schaut lieber ab und zu mal vorbei und entscheidet selbst.



Dann aber: Guten Appetit! Wer mag, schlägt sich noch Schlagsahne dazu. Oder macht Vanillesauce. Oder gibt eine Kugel Vanilleeis dazu. Oder isst das Ganze pur.




Musik zum Kuchen
Knackig-heißes Gegengewicht zur Tristesse des Sommers, der gerade Urlaub von sich selbst macht, und zudem quasi musikalische Entsprechung des krossen Gekrümels: „Crmbl“ von Mother Tongue.
„Wenn man die Augen zumacht, klingt der Regen wie Applaus“: Längst ein kleiner Klassiker des Indie-Deutschpops ist diese immer noch wundervoll-triste und zum Wetter passende Nummer meines Kumpels Enno Bunger: „Regen“.
Und dann ist da noch diese kleine Hymne meiner Jugend, die das Leben auf dem Land und Millionen von Pfirsichen feiert: „Peaches“ von den Presidents of the United States.
Und weil es draußen so unablässig regnet, ist auch noch Platz für dieses wunderschöne Klavierwerk Frédéric Chopins, die Prélude in Des-Dur, op. 28, nr. 15, die von Georges Sand einst „Regentropfenprélude“ getauft wurde. Hier in einer gemächlich fließenden Einspielung von Lang Lang.
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moin Ole,
ich glaub ich muss direkt in die Küche Crumble backen….Pfirsiche bzw. Nektarinen hab ich da. Und Blaubeeren.
Schönen Sonntag,
Karin
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Cool, das sieht köstlich aus. Werde ich wohl nachbasteln. Beim nächsten Spaziergang im Wald werde ich ein Eimerchen Blaubeeren jagen.
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Du Glückspilz. Südheide hat schon auch Vorteile. 🙂 Und ganz lieben Dank!
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Lieber Ole,
Diese Bilder animieren mich immer dazu, die Teller als Kunst an die Wand zu nageln, so schön setzt Du Deine Delikatessen in Szene. Rosemarie Meertau stellst Du ungewöhnliche Partner an die Seite – ein fürwahr wandelbares Kräutlein ist sie, mit ihren stacheligen Würznadeln und den meerspiegelblauen Blütendolden. Herbzart.
In Bielefeld kreisen Möwen. Ich würde sie ja mit Fischbrötchen füttern, doch sowas Feines gibbet hier nicht. Ich warte hier gelassen das erhoffte Steigen der Pegelstände im fünften Stocj ab und halte Grog und warme Decken für die Nachbarn aus den unteren abgesoffenen Stockwerken bereit.
Aber ist hier zum Glück alles auf Sennesand gebaut und ganz so nass wie bei Euch da oben ist es leider auch nicht. Nee, nach Kreta würde ich jetzt auch nicht wollen. Auch und besonders nicht nach Rhodos. Die Bilder vom brennenden Wald schmerzen mich.
Dein Beitrag tröstet beinah so gut wie nachbasteln und aufessen oder eine Knusperkruste über Crème Brulée. Knackt unvergleichlich nach im Ohr.
Hab es gut und liebe Grüße
Amélie
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Ach da freue ich mich wieder, dass Du so weit weg bist, nach 1 Monat könnte man mich sonst rollen😂
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Rollen können wäre doch ne runde Sache 😀
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Aber nicht ansehnlich..wobei lieber was auf den Rippen als…🤔
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Zwar ist bei uns im Süden der Republik das Wetter sommerlicher- deinen fruchtigen Crumble nähme ich dennoch jederzeit 😋
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der ist auch wirklich toll. Danke ♥️
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FRUSTschutzmittel! Du bist einfach der Beste :-)))
Alles Liebe zu dir!
Maria
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