
Am Abend, wenn die Glocken Frieden läuten,
Folg ich der Vögel wundervollen Flügen,
Die lang geschart, gleich frommen Pilgerzügen,
Entschwinden in den herbstlich klaren Weiten.
Hinwandelnd durch den dämmervollen Garten
Träum ich nach ihren helleren Geschicken
Und fühl der Stunden Weiser kaum mehr rücken.
So folg ich über Wolken ihren Fahrten.
Da macht ein Hauch mich von Verfall erzittern.
Die Amsel klagt in den entlaubten Zweigen.
Es schwankt der rote Wein an rostigen Gittern,
Indes wie blasser Kinder Todesreigen
Um dunkle Brunnenränder, die verwittern,
Im Wind sich fröstelnd blaue Astern neigen.“
(Georg Trakl – Verfall)
Ich bin einmal auf einem Pferd geritten, und als ich abgestiegen bin, hatte ich Blut im Stiefel.“
Eigentlich war Wulnikowski nur auf den Dachboden geklettert, einer Eingebung folgend, dort seinen seit anderthalb Jahren verlorenen Autoschlüssel zu finden. Ein Problem, das er tatenlos und etwas ratlos umkreist hatte wie ein Elektron den Atomkern. Nun aber war da plötzlich Hoffnung aufgekeimt: Vielleicht steckte der Schlüssel in einer nicht mehr benutzten Winterjacke, die noch oben in einem ausgemusterten Kleiderschrank hing? Eher kletternd als laufend war er durchs Labyrinth gekraxelt. Voll aufgabenlos gewordener, „aber noch guter“ Bettgestelle, Reisekoffer, Eismaschinen, die auf den nächsten Sommer warteten, und auseinandergeschraubter Schreibtische. Und mit dem Fuß an einem zerbeulten Karton hängen geblieben. Darin: kein Schlüssel, aber uralte Klausurhefte aus der Schulzeit, die er wunderweshalb anscheinend aufbewahrt hatte.
Und wie aus dem Nichts hörte Wulnikowski wieder diese Stimme, die er schon seit Jahrzehnten nicht mehr in echt vernommen hatte. Viel zu hoch, etwas heiser, dünn wie zu kurz gezogener Tee, aufbrausend. Die Stimme seines einstigen Deutschlehrers Welf Igel. Ein Mann, der für Literatur brannte. Einer, der sich nach allzu einfältigen Antworten schonmal minutenlang im Klassenschrank einschloss. Er, der die arme Imke entrüstet zusammengefaltet hatte. Damals, als es um Lyrik ging und sie bei der Interpretation von Rilkes „Blauer Hortensie“ mit den Worten zur Interpretation anhob: „Das Gedicht beginnt mit einer Einleitung.“
„Das akzeptiere ich nicht! Alles wird eingeleitet! Gülle wird eingeleitet!“, hatte er gebrüllt, und ein ganzer Deutschkurs zwischen prustendem Gelächter und Furcht geschwankt, gleich nicht viel Schlaueres zu sagen zu haben.
Und Welf Igel stand mitten im Klassenraum und skandierte, als ließe die Wand sich mit poetischen Vorträgen niederbrüllen: „Verrrrrwasch’nes…. wie an einer Kinderschürze! Nichtmehrgetrrrraaaag’nes, dem NICHTS mehr geschieht!“ Und Thomas, der neben Wulnikowski saß, kratzte sich am Kopf, und ein paar Schuppen rieselten auf das Jackett, das er immer trug, und er wischte sie verlegen mit der Hand abwärts. Und der Igel blickte sich um, schrie, „was, ja, was ist es, was diese Zeilen so besonders macht?“ Und niemand meldete sich, vorsichtshalber. Und der Igel rief: „Man stelle sich vor, man geht raus, und draußen schreit einen eine Blume an! Ein gebrochenes Gänseblümchen heult und schreit und wimmert und blutet!“ Fragende Gesichter. Okka gähnt. Igel ruft: „Sie reißen Ihren Rachen so weit auf, dass ich fast hineinzustürzen drohe und Ihre Magensäure blubbern sehe.“ Igel schnauft. „Es gibt nichts Schlimmeres als eine hockende Horde, die vor einem wie schwerer Zuckerrübensirup von den Tischen träufelt! Da kann ich ja gleich in ein Schwimmbad voller Honig springen!“ Fragendere Gesichter. Und Igel legt nach: „Ich werde Flaschenzüge über ihren Armen anbringen, dann kann ich immer daran ziehen, und Sie werden sich melden – auch wenn Sie gar nicht wollen!“
Igel blickte aus dem Fenster, wo eine hübsche Blondine über den Gehweg stolzierte. „Was für ein steiler Zahn!“ „Ein was?“, fragt Thomas. „Sie wissen nicht, was ein steiler Zahn ist? Zu meiner Schulzeit nannten wir hübsche Mädchen immer steile Zähne. Zuweilen standen so viele steile Zähne auf dem Schulhof, das war schon eher ein steiles Gebiss.“ Verhaltenes Prusten.
Und Wulnikowski? War nach der Klausur dran, in der die Schüler Trakls „Verfall“ durchdringen sollten. Ein ihm bis dato unbekanntes und danach unvergessliches Gedicht. Und so sehr sich das Gedicht doch um den Herbst und das Traurig-Flaue des Verfalls dreht, so wenig war ihm auch nur im Ansatz eingefallen, wie kräftig Weinblätter sich in der Herbstsonne färbten. „Es schwankt der rote Wein an rostigen Gittern.“ Wulnikowski hatte ans Getränk gedacht und folglich darüber sinniert, wie die Zeile den Verlust, vielleicht sogar das Wegschütten des höchsten Kulturgutes der Trinkenden bedeuten könnte. Rotwein, ausgekippt in einen Gulli, wo er nun an rostigen Gittern schwappen mochte.
Und eben diese Gedanken hatten ihm einst – Rot, in schwankenden Buchstaben an grauen Linien – den Satz unter seiner Klassenarbeit eingebracht: „Ich bin einmal auf einem Pferd geritten, und als ich abgestiegen bin, hatte ich Blut im Stiefel – so ähnlich ging es mir mit Ihrer Klausur.“

Da war er wieder, der Satz. Auch am Abend, nachdem er auf dem Dachboden in Erinnerungen an die tief eindrücklichen Deutschstunden geschwelgt hatte. Ada hatte gekocht. „Pinke Pasta“ – ein litauisches Rezept, das sie im herrlichen Kochbuch „Vilnius“ von Denise Snieguole Wachter entdeckt hatte: Rote Bete, wie Mutterboden nach einem Regenschauer duftend, gekocht, püriert, mit Nudeln und Frischkäse vermengt, und dazu ein Dillpesto. Süßwürzig, wild, fast grell, voll salziger Tiefe. Seine Geschmacksknospen tanzten verwirrt durcheinander. Das war so anders als vieles, was er vorher gegessen hatte. So überraschend. So gut. Aber eben auch völlig unerwartet. Aromenpoesie. Und nach einigem Kauen und Schmecken sagte er dann aus dem Nichts: „Ich bin einmal auf einem Pferd geritten. Und als ich abgestiegen bin, hatte ich Blut im Stiefel – so ähnlich geht es mir mit diesen Nudeln.“ Und Ada blickte ihn verwirrt an. Ihr Blick schwankte zart verunsichert, und sie schenkte sich lieber nochmal Rotwein nach. Und dann erzählte ihr Wulnikowski von den Erinnerungen an die Deutschstunden. Nicht die von Lenz, die mit Welf Igel. Und die Verunsicherung wich aus Adas Gesicht, und sie lachten, und die Nacht wurde spät.

Zutaten für die Pinke Pasta mit Dill-Pesto und Frischkäse
Für 2 Personen
Zubereitungsdauer: etwa 45 Minuten (das Gros der Zeit geht fürs Kochen der Bete drauf)
Für das Dillpesto:
1/2 Bund Dill
80g Parmesan
80g Sonnenblumen-, Pinien- oder Cashewkerne (Original: Haselnüsse)
2 EL Zitronensaft
2 Knoblauchzehen
optional: einige Esslöffel der einfachsten und besten Tomatensauce
Olivenöl
Salz, evtl. Pfeffer
Für die Rote-Bete-Pasta
2-3 frische Rote-Bete-Knollen, alternativ: vorgekochte
1-2 Schalotten
1-2 Knoblauchzehen
optional: einige weitere Esslöffel der einfachsten und besten Tomatensauce
125 Gramm Ricotta/Twaróg/Frischkäse
400 Gramm Pasta (vielleicht Penne, vielleicht Dinkel-Fusilli, was immer Ihr mögt, aber auch Sauce gut aufnimmt – vielleicht keine glatten Spaghetti)
Salz
Pfeffer
Öl/Butter

So wird die Pinke Pasta mit Dill-Pesto und Frischkäse gemacht



Die Bete-Knollen (ich habe aus dem Ernteteil der Solawi Potshausen auch tolle weiße und gelbe und geringelte bekommen, welche man nimmt, ist ja ein wenig egal – wobei es ohne rote Knollen am Ende nicht pink wird) schälen und in Scheiben geschnitten etwa eine halbe bis dreiviertel Stunde in gesalzenem Wasser kochen.



Während die Bete kocht – oder schon davor -, etwa ab der Halbzeit die Pasta in Salzwasser al dente kochen und das Pesto zubereiten: den Dill feinst hacken, vielleicht auch in einem Püriergerät/Mixbecher einer Küchenmaschine kleinsthacken. Wer es stilvoller und anstrengender mag und die Aromen schonender freisetzen möchte, nimmt einen großen Mörser. Dann das Ganze mit dem Knoblauch, den Kernen, ob nun von Sonnenblume, Pinie, Cashew oder Haselnuss, dem geriebenen Parmesan, vielleicht sogar der satten Tomatensauce und dem Zitronensaft und einem großzügigen Schluck Olivenöl vermengen und noch weiter zerkleinern/zermösern, bis daraus eine feine Paste geworden ist. Mit Salz und vielleicht auch etwas Pfeffer abschmecken. Und, wenn es länger halten soll, mit Olivenöl begießen, so dass das Pesto keinen Luftkontakt hat.



Die abgegossene Rote Bete entweder fein reiben (wenn Ihr für sowas Muße habt) oder in der Küchenmaschine pürieren.
Im Kochtopf in etwas Öl oder Butter ein bis zwei feingehackte Schalotten oder rote Zwiebeln bei niedriger Hitze sanft anschwitzen. Nach etwa fünf Minuten die zwei Knoblauchzehen abziehen und hineinpressen. Nochmal ein bis zwei Minuten schmurgeln lassen. Dann die Bete-Masse dazugeben und etwa zwei Drittel des Frischkäses unterheben. Mit Salz und Pfeffer abschmecken.



Mit Dillpesto und Klecksen des restlichen Frischkäses servieren, zusätzlich ein wenig von den restlichen Dillzweigen zum Servieren abzupfen. Guten Appetit!







Musik zum Menü
Wenn’s im Text schon um Rilke geht, dann darf das Rilke Ensemble hier musikalisch nicht fehlen. Zumal nicht mit dieser ebenso herbstlichen wie zauberschönen Vokalensemble-Fassung, in die Gunnar Eriksson Henry Purcells, einst als Begleit-Arie zum Drama Ödipus komponiertes „Music for a while“ verwandelt hat.
Und wenn es schon derart pink zugeht in der Pasta, passt auch ein pinker Elephant da ja durchaus. Voilà: „Pink elephant“ vom neuen Album von Arcade Fire.
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Wie immer opulent in Szene gesetzt…. ich krieg Hunger😊
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Super, wir haben noch richtig viel rote Bete (ich dachte immer, das schriebe sich mit Doppel-E, aber da lag ich offensichtlich falsch) im Garten, die demnächst geerntet und eingelagert werden muss. Da ich erklärter Fan von Dill bin, muss ich diese Kombination unbedingt mal ausprobieren.
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Bei der roten Knolle ist die üblichere Schreibweise, glaube ich, mit nur einem E nach dem B. Und ich mag die Schreibweise lieber, weil ich so Beten aus Beeten ernten kann. Wobei Deine Schreibweise ja genauso geht. Und ich meine als eher unreligiöser Mensch auch überdenken könnte. 🙂
Das Rezept liebe ich aber wirklich sehr. Und das Dillpesto ist auch zu vielem Anderen ein überraschender Knaller 🙂
Schön von Dir zu lesen. Ganz liebe Grüße!
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Den lieben Gruß schicke ich umgehend in Gegenrichtung. Wir sind ja beide etwas stiller geworden. Ich habe immer bei dir mitgelesen, aber das Kommentieren scheiterte mitunter an Login-Problem, nachdem ich schon fertig geschrieben hatte. Wenn dann alles weg ist, geht’s ab in den Schmollwinkel. Ich bin froh, dass es aktuell wieder funktioniert.
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Echt? Das ist ja kacke und wusste ich gar nicht. Wenn es wieder geht, muss ich ja nix tun. Wenn es wiederkommt, sag gern Bescheid! Und es ist seit zwei Jahren einfach unglaublich viel Krempel los abseits des Netzes, was zur Stille bei mir geführt hat. Auch wenn ich ja weiter da bin und das auch bleiben will. 🙂
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Nein, keine Panik, es hat mit deinem Blog nichts zu tun, denke ich. Eher mit WordPress, wo ich zwei Accounts habe, die immer wieder durcheinander geraten.
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