
Ich bin mal am Elbstrand in Hamburg entlanggeschlurft. Am Athabaska-Kai gegenüber löschten die Kräne einen riesigen Containerfrachter, eine Fähre glitt davor über die Elbe und zerschnitt das Wasser. Die Sonne senkte sich und tauchte den Himmel in orangenes Pastell. Und plötzlich joggte mir ein extrem bekanntes Gesicht entgegen, sah mich, blickte, als erkannte er mich, winkte, rief freundlich „hi!“. Dabei waren wir uns noch nie zuvor persönlich begegnet. Tatsächlich hatte ich ihn fast jeden Abend gesehen, er mich wahrscheinlich noch nie. Mir entgegen kam Tom Buhrow, dem ich allabendlich zugesehen hatte, wie er die Tagesthemen moderierte. Ihm entgegen kam ich, wo hätte er mich sehen sollen? Menschen, die man aus dem Fernsehen kennt, zu treffen, hat etwas seltsam Asymmetrisches.
Jetzt, Jahre später, kurz vor dem dritten Advent, war es erneut so. Mit Ankündigung. Nur, dass es diesmal – nur für mich – so war, als begegnete ich einem guten Freund, den ich seit einem Vierteljahrhundert regelmäßig treffe, meist sonntagvormittags. Einer, der in seiner schlabbrigen Coolness, seiner Schläue und seinem Witz auch guter Freund sein könnte. Nur, dass das Kennen komplett einseitig ist: Ralph von der Sendung mit der Maus. Er, dem seine Hippie-Eltern im Dschungel von Tanjung Puting angeblich Herzglitzer als ersten Vornamen gaben. Mitte der 70er, als sie auf Borneo Orang Utans groß zogen.
Das hat er mir nicht persönlich erzählt, aber meiner Tochter hat er einen Schnurrbart gemalt. Und der Impuls war da, sich dieser seltsamen Illusion von Nähe im Medienzeitalter hinzugeben und ihm – wie es Freunde tun – um den Hals zu fallen, auf die Schulter zu klopfen und zu sagen: „Da biste ja endlich mal wieder! Mensch, schön Dich zu sehen!“ Kurz: Hab‘ ich nicht. Doch da wachte kurz die täuschend echte Zuneigung auf – in der Einbahnstraße.






Aber Ralph saß da, mit seinem gewinnenden Lächeln, mit dieser offenen Freundlichkeit, dem verschmitzten Grinsen, dem Staunen in den Augen. Und er gab jedem, der vor ihn trat, dieses herzliche Wir-kennen-uns-doch-und-wie-schön-dass-Du-da-bist-Gefühl. Nicht aufgesetzt. Natürlich kam da kein „habt Ihr Euren Hund eigentlich wiedergefunden“, kein „geht’s Wilma nach der Hüft-OP wieder besser“, kein „wie spät wollt Ihr denn Donnerstag zum Doppelkopf kommen?“. Wie sollte es auch. Und wie soll’s einem schon gehen, den alle kennen – und der keinen kennt. Und doch es fühlte sich auch diesmal an wie immer wieder sonntagvormittags. Nur dass Ralph jetzt sogar antworten konnte – anders als beim Flachbildschirm im Wohnzimmer.
Schließlich saß er an einem Tisch nah der Glasfront des Theaters an der Blinke in Leer, der graue Wollpulli leicht zerknickt, das weiße Shirt lugte darunter hervor, als wollte es auch mal schauen, wer da so kommt, und lächelte mich an: Nicht, weil er sich so aufs Treffen mit mir gefreut und auf mich gewartet hatte. Er nahm sich freundlich Zeit, um Bücher zu signieren. Für Bilder zu posieren. Oder auch Schnurrbärte zu malen – nachdem er sich vorher anderthalb Stunden lang den großen Fragen der Welt aus den Mündern kleiner Kinder gestellt hatte: „Warum ist Luft eigentlich durchsichtig?“ „Wie war das genau damals beim Urknall?“ Und er hat uns von Lumpi, seinem Dackel erzählt, der ausgestopft zum Fernsehstar wurde, und dessen Leben Ralph in witzigen Bilderbüchern erzählt. Daraus hat er an diesem Wochenende vorgelesen. Und wohl dem ganzen Publikum das Gefühl gegeben, unter Freunden zu sein.

Freunden mache ich selbst ja gerne Freuden. Manchmal zum Beispiel backe ich ihnen gern Kekse. Nur Kekse, die ich selbst gern esse. Weil ich Freunden gern besonders Gutes schenke – notfalls auf diese Weise aber auch selbst glücklich mampfen könnte, falls irgendwer wider Erwarten sagte: „Du, nee, lass mal, ich muss gerade auf meine Linie achten, keine Kohlehydrate für mich. Spekulatius vertragen sich nicht mit Paleo-Diät.“ Auch wenn niemand meiner Freunde so etwas macht – oder sagen würde. Ralph wahrscheinlich auch nicht.
Unter anderen Umständen, wenn wir wirklich befreundet wären, hätte ich ihm jetzt im Advent vielleicht meine liebsten Spekulatius gebacken – in Form der Maus. Nicht, um mich bei ihm anzubiedern, sondern weil ich die Maus so mag. Und weil die tollen Kekse gefühlt noch ein bisschen knuspriger und witziger und schlauer schmecken in Mausform. Und weil das Ausstechen die Laune hebt. So egal am Ende die Form auch ist. Die Kekse sind grundsätzlich großartig. Frisch kross gebacken, duften sie nach karamellisiertem Zucker, der sich gut befreundet in den Armen liegt und Brüderschaft trinkt mit Zimt und Kardamom, Koriander und Anis, Ingwer und weißem Pfeffer, Nelken und Muskat. Die Mischung stammt vom großen Yotam Ottolenghi aus seinem famosen Dessert-Buch „Sweet“. Mit dem ich ebenfalls nicht persönlich befreundet bin – und noch nie persönlich begegnet.
Schön fände ich aber, wenn die „Sendung mit der Maus“ in einem der legendären Erklärfilme mal beim Spekulatius-Backen dabei wäre. Warum die Kekse so heißen, und warum alle etymologischen Spurensuchen Spekulation sind, hat die Redaktion schonmal versucht herauszufinden. Aber wie sie gemacht und gebacken werden – wär‘ das was für Dich, Ralph?

Das braucht Ihr für die Spekulatius mit der Maus
So könnt Ihr – so könnte auch Ralph – diese wundervollen Kekse nachbacken. Selbstredend lässt sich aus diesem Teig alles mögliche an Formen stechen. Auch Mühlen. Wer sich auch in Form von Maus, Ente und Elefant ausstechen möchte: Es gibt Ausstechformen eines großen Backmischungs- und Tiefkühlpizzenherstellers, die man im Netz bestellen und in ausgewählten Läden kaufen kann. Ich möchte hier bewusst keine Werbung machen, denn es geht ja um die Kekse, deren Rezept angelehnt ist an die tolle Variante von Yotam Ottolenghi (unbezahlte, unaufgeforderte Werbung durch Namensnennung).
Und für die braucht man erstmal eine Gewürzmischung. Klar kann man einfach Spekulatiusgewürz kaufen. Das hier finde ich aber viel besser.

1 Esslöffel Zimt, gemahlen
1 Esslöffel Kardamom, gemahlen
1 Teelöffel Anis, gemahlen
3/4 Teelöffel weißer Pfeffer, gemahlen
3/4 Teelöffel Ingwer, gemahlen
1/2 Teelöffel Koriander, gemahlen
1/4 Teelöffel Muskatnuss, gemahlen
1/4 Teelöffel Gewürznelken, gemahlen



Diese Zutaten braucht Ihr für den Spekulatiusteig

450 Gramm Mehl
1/2 Esslöffel Natron (oder Backpulver)
die Gewürzmischung (siehe oben), es sollten um die 4 Esslöffel sein, falls Ihr Spekulatiusgewürz kauft
1/2 Teelöffel Salz
250 Gramm weiche Butter
300 Gramm brauner Rohrzucker
1 Schnapsglas Rum
1 Schnapsglas Wasser
1 großes Eiweiß, schaumig geschlagen, zum Bestreichen (optional)
Wer mag, kann auch Mandelblättchen auf die Unterseite der Kekse drücken, vielleicht 100 Gramm

Wer Maus, Ente, Elefant draus machen will, braucht, wenn er nicht per Hand schnitzen will, entsprechende Ausstechformen. Wer andere Ausstechformen vorzieht, nimmt einfach die. Die Form ist am Ende ja auch egal (nun, ein bisschen, Maus oder Mühlen mag ich schon am liebsten).

So macht man die Spekulatius selbst
Wenn Ralph nun erklären würde, wie man die Kekse backt, könnte er Folgendes sagen:
Siebt zuerst das Mehl mit dem Natron und dem Salz in eine Schüssel. Die stellt Ihr aber erstmal beiseite.
Dann gebt Ihr die weiche, eventuell vorher in einem Topf geschmolzene Butter mit dem Zucker in die Rührschüssel einer Küchenmaschine und schlagt sie etwa drei Minuten lang in rasendem Gerühre auf – zu einer cremig-schaumigen Masse (geht natürlich auch mit einem Mixer in einer Schüssel). In die gebt Ihr die Gewürzmischung: Fett schlüsselt die Aromen besonders gut auf.

Wer einen Hauch von Rum in den Keksen schmecken mag (der Alkohol verdampft ja), gibt das Pinneken hinzu. Oder man nimmt einfach nur Wasser. Anschließend nach und nach die Mehl-Salz-Natron-Gewürz-Mischung hinzurieseln und in nun langsamem Tempo einrühren. Wer zwischenzeitlich probiert, mag in Sorge sein, dass das Ganze grässlich nach Rum schmecken könnte. Das verflüchtigt sich aber beim Backen bis auf einen zarten, bereichernden Aromenhauch. Keine Sorge!
Das ganze Gelumpe (Gruß an Tim Mälzer, den ich ebenfalls nur aus dem Fernsehen kenne) dann aus der Schüssel nehmen, in zwei Kugeln formen und die, in Backpapier gehüllt (ist mir persönlich lieber als Frischhaltefolie) für eine Stunde nach draußen in die Winterkälte stellen oder in den Kühlschrank legen (meiner ist dauernd zu voll).
Danach die Kugeln, deren Teig durchgekühlt ist und zunächst verstörend bröselig erscheinen mag, noch einmal mit den Händen geschmeidig kneten. Dann mit einem Nudelholz oder einer frisch geleerten Glühweinflasche schön flach rollen. Dafür eventuell die Arbeitsfläche bemehlen (bei mir ist aber auch ohne nichts angepappt).
Den Ofen auf 200° C (180° bei Umluft) aufheizen, ein Backblech mit Backpapier ausschlagen. Den Teig schön flach rollen, Mäuse, Elefanten, Enten ausstechen oder Sterne oder Mühlen oder was immer ihr mögt. Und dann aufs Backblech legen. Wer Mandelblättchen möchte, kann die Figuren vorher einmal vorsichtig in eine Schale mit den Blättchen drücken und sie mit den Mandeln nach unten aufs Backblech legen. Etwa zwei Zentimeter Abstand auf dem Backblech zwischen den Figuren sollten reichen. Zu stark zerläuft der Teig nicht. Dann hauchdünn mit dem Eiweißschaum bestreichen.
Galerie: klickt gern drauf für Großansichten

Wenn das Backblech voll und der Ofen heiß ist: rein mit den Keksen in den Schlund. Etwa 12 Minuten Backdauer sind ein guter Richtwert, aber behaltet die Teile im Auge, sie sollen weder zu hell und weich, noch dunkel und bitter werden. Aus Energiespargründen kann man natürlich auch zwei Backbleche gleichzeitig in den Ofen stecken und nach der Hälfte der Zeit die Positionen tauschen (ich besitze nur eins).

Während die Teile backen, weiter ausrollen, ausstechen, aufs Backpapier legen, Teigreste zu neuen Kugeln formen, wieder ausstechen und so weiter. Ihr kennt das Spiel. Und wenn die erste Charge aus dem Ofen kommt, das Backpapier runterziehen und das neue aufs Blech legen, rein in den Ofen. Nun, ich tippe, ich muss Euch auch nicht minutiös erklären, wie man Kekse backt.
Die fertigen Kekse kurz auskühlen lassen und am besten in eine mit einer Serviette ausgeschlagene Dose packen und luftdicht verschließen. Wie lange sie sich genau darin halten, weiß ich nicht. Keine Charge hat länger als ein paar Tage überlebt. Wenn überhaupt. Man sagt, dass eine große orangene schnurrbärtige Maus nachts heimlich kommt und sich den Bauch vollschlägt. Üble Nachrede, sage ich.




Weitere tolle Weihnachtskekse
Die Spekulatius sind tatsächlich nicht meine ersten Weihnachtskekse hier. Nach wie vor heiß geliebt und regelmäßig gegessen, weil so sensationell lecker, sind und bleiben die Schnitzel mit herzhafte Spekulatius-Rahmsauce (für die ich aber Supermarkt-Keksware zerbrösele, die hier sind fast zu schade):
Zurück zu Keksen: Ebenfalls toll sind die Erdnuss-Salzbrezel-Rentiere:
Und von mir heiß geliebt sind auch die wundervoll aromatischen Ginger-Snap-Cookies aus der Garage meiner Eltern.
Auch an Weihnachten sensationell: die Chocolate-Cookies mit Fleur de sel nach Tanja Grandits!
Musik zu den Spekulatius
Wenn schon Maus-Spekulatius, dann auch das legendäre Maus-Intro, komponiert von Hans Posegga.
Wenn schon Vorweihnachtszeit, dann geht für mich auch nichts über Bugge Wesseltoft und sein traumschönes Weihnachtsalbum „It’s snowing on my piano“. Das perfekte Gegengift zum Weihnachtsgedudel auf den Märkten. Hier: „Stille Nacht“.
Wenn schon ein bisschen schwungvoller Weihnachtssound, dann lieber „Perfect holiday“ von Fitz and the Tantrums.
Und da ich „Last christmas“ so hasse und ich immer irgendwas kaputthauen möchte, wenn ich es höre, gibt es den Song hier trotzdem – aber im Mashup mit „Break stuff“ von Limp Bizkit. Ähnlich gute Verquickungen gibt es mit „One“ von Metallica oder mit nem Song von Linkin‘ Park, den ich gerade vergessen habe.
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Lieber Ole,
ich wünsche dir und deinen Lieben ein frohes Weihnachtsfest. Leckeres Gebäck hast du ja schon. und in Mausform sieht super aus und schmeckt bestimmt nochmal so gut. Deine Geschichte dazu hat mir sehr gut gefallen. Vielleicht liest Ralf ja deinen Blogpost hier und backt deinen Spekulatius mal nach. Die Maus und Elefanten Ausstecher gibt es übrigens auch im Mausladen in Köln an der Breite Straße, falls jemand dort vorbei kommt und welche sucht….
Und das Lied von Lars Krissmess habe ich dieses Jahr bisher nur ein Mal im Radio gehört. Früher mochte ich es total gerne, war ja unsere Zeit früher, aber wenn man das zu viel hört alle Jahre wieder, dann geht der Schuss doch irgendwie nach hinten los und man ist ein wenig genervt, von diesem Lars 😆.
Also, merry christmas to you, Karin
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Och, wie nett! Ich bin nicht so sicher, ob ich Spekulatius mag (nicht süß-affin), aber die Sendung mit der Maus mag ich definitiv.
Und die Einleitung mit dem Elbstrand hat mich an Övelgönne denken lassen, ist das der den du vor Augen hattest?
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